„Und führe uns nicht in Versuchung“


Kritik am Vaterunser?

Klaus Opitz

 

 

Bekanntlich hat Papst Franziskus im Dezember 2017 die deutsche Übersetzung eines Satzes aus dem Vaterunser als „keine gute Übersetzung“ kritisiert: „führe uns nicht in Versuchung“. Es sei „nicht Gott, der den Menschen in diese Versuchung stürzt, um dann zuzusehen, wie er fällt. - Ein Vater tut so etwas nicht; ein Vater hilft sofort wieder aufzustehen. Wer dich in Versuchung führt, ist Satan.“

Jedoch: „Der griechische Text ist richtig übersetzt. Er lautet: `und führe uns nicht in Versuchung hinein`! (Thomas Noack)

Es gab nun zahlreiche Vorschläge für eine geeignete Formulierung des strittigen Satzes: „und lass uns nicht in die Fänge der Versuchung geraten“, „und führe uns in der Versuchung“ usw.

In Frankreich haben die katholischen Bischöfe folgende Formulierung sanktioniert: „Lass uns nicht in Versuchung geraten“.

Nachfolgend der Text des Vaterunser in der Formulierung des Jugendkatechismus der Katholischen Kirche YOUCAT (2010) (nach Mt 6,9-13; Lk 11.2-4) in kleiner Schrift und in großer Schrift das Vaterunser nach dem Diktat Jesu an Jakob Lorber in „Johannes, das große Evangelium“ Band 10, Seite 70:


Text-Vergleich:

Vater unser im Himmel,
Unser lieber Vater, der Du im Himmel wohnst

geheiligt werde dein Name.
Dein Name werde allzeit und ewig geheiligt!

Dein Reich komme.
Dein Reich des Lebens, des Lichtes und der Wahrheit komme zu uns und bleibe bei uns!

Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.
Dein allein heiliger und gerechtester Wille geschehe auf dieser Erde unter uns Menschen also, wie in Deinen Himmeln unter Deinen vollendeten Engeln!

Unser tägliches Brot gib uns heute.
Auf dieser Erde aber gib uns das tägliche Brot!

Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Vergib uns unsere Sünden und Schwächen, wie auch wir sie denen vergeben werden, die gegen uns gesündigt haben!

Und führe uns nicht in Versuchung,
Lasse nicht Versuchungen über uns kommen, denen wir nicht widerstehen könnten,

sondern erlöse uns von dem Bösen.
und befreie uns also von allem Übel, in das ein Mensch infolge einer zu mächtigen Versuchung dieser Welt und ihres argen Geistes geraten kann;

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit
denn Dein, o Vater im Himmel, ist alle Macht, alle Kraft, alle Stärke und alle Herrlichkeit, und alle Himmel sind voll derselben

in Ewigkeit. Amen
von Ewigkeit zu Ewigkeit!


Auslegungen nach dem Diktat Jesu:

Aus: „Himmelsgaben“, Band 2,

„Das Vaterunser in mehrfacher Ausdeutung“, Seite 160:


`Und führe uns nicht in Versuchung!`

 

Auch diese Bitte ist an und für sich nichts anderes als eine noch kräftigere Versicherung des Früheren. Denn das `Führe uns nicht in Versuchung` besagt nichts anderes als: Belasse uns ja nicht in unserer Eigen- oder Weltliebe, oder lass uns nicht tätig sein ohne Deine werktätige Liebe in uns, oder: ohne den Himmel in uns! Also – halte unsere Liebe nicht außerhalb der alleinigen Deinigen!


`Sondern erlöse uns von allem Übel! Amen.`


Und in der letzten Bitte ist nichts anderes als allein der Wunsch, der Wille oder das lebendige Verlangen völlig bejahend über alles das ausgesprochen, um was es sich in der früheren Bitte wie in allen vorhergehenden gehandelt hat, und besagt so viel als: Vater! Mache uns bestimmt völlig frei von uns selbst und werde Du in uns völlig alles in allem, oder: Du alleinige, ewige, werktätige Liebe,  mache alle unsere (Eigen-)Liebe zunichte und werde Du allein unsere Liebe, oder: lass uns völlig eins sein mit Dir!


Das also ist der wahrhaftige himmlische Sinn des Gebetes des Herrn!


Solches möge wohl beachtet werden! Denn es ist eine gar köstliche Gabe der Liebe aus dem obersten Himmel! – Wohlverstanden?! Amen.“ (HiG.02_43.02.13,00ff)



Aus: Gottfried Mayerhofer, „Lebensgeheimnisse“, „Vaterunser“ (Seite 20):


„`Führe uns nicht in Versuchung`,

 

was geistig heißen will: `o Vater, erbarme Dich Deines schwachen Kindes und helfe ihm, damit es nicht oft auch gegen seinen Willen den Versuchungen erliege, die andere ihm bereiten!`


Nur in der redlichen Anerkennung seiner eigenen Ohnmacht liegt die ganze Inbrunst eines Gebetes zu einem Allmächtigen, Der Sich von Menschen Vater nennen lässt, und Der eben diese Menschen zu Seinen Kindern erziehen und heranbilden möchte! –


So lange Stolz und Überschätzung seiner eigenen Kräfte in einem Herzen herrschen, kann kein aufrichtiges Gebet oder Bittgesuch zu Mir gelangen.


So wie Ich es einst sagte, so lautet es noch heute, wo es heißt: `Und wenn ihr alles getan habt, was Menschen möglich ist, so seid ihr doch noch immer faule Knechte!`


Der Mensch, in welchen Verhältnissen er sich befinden mag, was für Umstände er zu bekämpfen haben wird, stets soll er rechnen, dass das wenigste er, das meiste aber Ich getan habe!


So wächst sein Vertrauen zu Mir, so erkämpft er sich seine Ruhe, seinen Frieden, und nur wenn er vor Mir zerknirscht hinfällt und ausrufen muß: `Herr! was bin ich, dass Du meiner gedenkst!`, wenn er bekennt und erkennt, wie wenig seine Kräfte allein ausreichen, um zu seinem geistigen ewigen Ziele zu kommen, dann erst wird er begreifen, was die Hilfe seines geistigen Vaters wert und wie weit sie verschieden ist von dem, was andere Mitmenschen ihm angedeihen lassen können!


Dieses Bekenntnis, dass ohne Ihn, den einzigen wahren und stets gleich bleibenden Vater, nichts möglich ist; dieses allein kann dann den Menschen, nachdem er seine Ohnmacht erkannt hat, zu dem Ausruf bewegen, mit welchem dieses Gebet schließt, indem er sagt:


Da ich nun begriffen, dass ohne meinen Vater im Himmel ich eine Null bin, so bitte ich Ihn, dass Er mich von allem Bösen fern halte, oder wie es im Gebet heißt:


`von allem Übel erlösen möge!`


Die Erlösung, oder auch Freisprechung alles Getanen, ob mit oder ohne Willen, muss natürlich geschehen, sonst ist ein Fortschritt nicht möglich, ein Kind des Vaters im Himmel zu werden, nicht ausführbar.


Eben deswegen schließt auch dieses Gebet mit der Bitte: `Entferne alles Gefährliche von mir`, was mich auf meiner Bahn rückwärts statt vorwärts bringen könnte. Verzeihe das Begangene und verhindere das böse Kommende.


Nur so kann der Mensch auch eine Ruhe, einen Trost in seinem Gebet finden, welches mit wenigen Worten ihm seine ganze Stellung als Mensch und Kind Gottes beweist, dass er ein Wesen zwischen zwei Welten, zwischen Materiellem und Geistigem ist, dem letzteren folgen muss, soll er dieses Namens würdig sein, mit welchem er den Schöpfer alles Bestehenden anruft.


Deswegen fängt dieses Gebet mit dem Vater-Rufe an und endet mit der Bitte, eben an diesen Gott, welcher, wäre Er nicht Vater, den Menschen nicht von seinen Übeln erlösen, nicht ihm verzeihen, nicht ihm Zutrauen einflößen könnte!“


Vollständige Texte siehe linke Randspalte unter „Gebet / Meditation / Gesundheit (1)“, Thema „Das Ur-Vaterunser – weitere Gebetstexte“

Weitere Ausdeutungen wie „Das Vaterunser bezogen auf `Licht`“,  „Das Vaterunser bezogen auf `Leben`“, „Das Vaterunser bezogen auf `Kraft`“, „Das Vaterunser bezogen auf `Ordnung`“, „Das Vaterunser bezogen auf `Freiheit`“, „Das Vaterunser bezogen auf `Wahrheit`“ siehe Jakob Lorber, „Himmelsgaben“, Band 2, Seite 163 ff.