„Der eine zitiert Passagen, die Gewalt gegen Andersgläubige, Ungläubige und Frauen befürworten; der andere zitiert Passagen, die für Vielfalt, Nächstenliebe und Vergebung werben.“


Zum Thema Islam

Peter Keune


Die Auseinandersetzung mit dem Islam ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Hassbotschaften, Anschläge und die pauschale Ablehnung beiderseits (die westliche Welt und das Christentum gegenüber dem Islam und umgekehrt) führen zu immer größeren Spannungen. Der Islam beruft sich dabei auf den Koran als von Gott gegebene Weisungen, die u.a. auch zu Gewalt gegen die Ungläubigen aufrufen. Ähnliche Aussagen finden sich in der Heiligen Schrift, namentlich im Alten Testament. Auch dort gibt es Aufrufe zum Völkermord gegen die Heiden.

Erst durch Emanuel Swedenborg wissen wir von dem tieferen Sinn der Heiligen Schrift, die solche radikalen Anweisungen auf den innerseelischen Feind (falsche Götter) beziehen und die gänzliche Abkehr und Ausrottung böser Wünsche und Begierden fordern, was in der biblischen Sprache mit `töten` ausgedrückt wird. Es geht also nicht um Mord und Totschlag an unseren Mitmenschen, sondern um die charakterliche Reinigung von falschen Vorstellungen und den daraus resultierenden bösen Handlungen. Dass solche Vorgaben in vorbildende Handlungsweisen eingekleidet wurden und warum, erklärt Swedenborg in seinen Schriften. Dass diese Aufforderungen von den Menschen aller Zeiten, Juden wie Christen (z.B. im Mittelalter) fehlinterpretiert wurden und zu grausamen Verfolgungen führten, ist aus der Geschichte wohlbekannt. Auch heute ist die Bibelforschung noch nicht bereit, ein Schriftverständnis im Sinne Swedenborgs (und Lorbers) anzunehmen, sondern eher geneigt, das ganze Wort Gottes infrage zu stellen und es als reines Menschenwort abzutun.

Der Koran ist ebenfalls ein göttlich inspiriertes Wort. Insofern könnten auch für dessen Aussagen die Vorgaben Swedenborgs gelten und als entsprechende Bilder geistiger Vorgänge im einzelnen Menschen angesehen werden.

Ein Geistesfreund aus Bonn machte uns auf nachstehenden Artikel aufmerksam, der dieses Problem in den Focus nahm (Hervorhebungen durch uns):

Ist der Koran eine Botschaft der Liebe oder des Hasses?

Dazu heißt es:

Der Islamkritiker Hamed Abdel-Samad hat ein neues Buch geschrieben. Darin legt er eine humanistische Lesart vor.*)
*) Aus DIE ZEIT Nr.42/2016 (28.2.2016)

Ist Ihnen das auch schon passiert? Sie verfolgen eine Diskussion zwischen einem Islamkritiker und einem gläubigen Muslim über das Gewaltpotenzial im Koran und können am Ende nicht beurteilen, wer von beiden recht hat? Der eine zitiert Passagen, die Gewalt gegen Andersgläubige, Ungläubige und Frauen befürworten; der andere zitiert Passagen, die für Vielfalt, Nächstenliebe und Vergebung werben.

Dass Sie keine klare Position einnehmen können, liegt nicht an Ihnen, sondern daran, dass der Koran tatsächlich beide Botschaften enthält: die der Liebe ebenso wie die des Hasses. Wer sich mit der Entstehungsgeschichte des Korans beschäftigt, weiß, dass dieser gemeinhin in eine mekkanische und eine medinensische Phase unterteilt wird. Erstere habe die friedlichen Verse, letztere die Gewaltpassagen hervorgebracht. Doch schon diese Unterteilung stimmt nicht ganz: Zwar finden sich in mekkanischer Zeit keine Verse, die zum bewaffneten Kampf gegen Ungläubige aufrufen, doch sind viele Verse durchaus hasserfüllt. Zugleich finden sich neben den Dschihad-Passagen aus Medina auch Verse, die für Glaubensfreiheit und Frieden unter den Völkern werben.

Was hat nun Geltung? Schon die frühen Koranexegeten behalfen sich mit dem Verweis auf die `Abrogation`: dass später entstandene Passagen frühere Verse ungültig machten. Nach diesem Prinzip würden die Suren aus Medina alles aufheben, was in Mekka an Nächstenliebe und Toleranz offenbart wurde. Eine problematische Sichtweise. Wenn der Koran wirklich das Wort Gottes ist, kommt allen Suren eine überzeitliche Bedeutung zu. Wenn Allah aber gewollt hätte, dass frühere Offenbarungen ad acta gelegt werden, warum hat er das nicht klar formuliert? Allein für diese Frage wurde der Reformtheologe Mahmud Mohammed Taha noch Mitte der 1980er Jahre im Sudan als Ketzer hingerichtet.

Meiner Meinung nach kann Koranexegese erst Früchte tragen, wenn man sich von der Macht des Textes als ewiges und allgemeingültiges Wort Gottes emanzipiert. Gott kann weder an eine Zeit noch an einen Kontext gebunden werden. Menschen, ihre Worte und Taten, aber sehr wohl. Eine Kontextualisierung ist nur möglich, wenn wir den Koran als ein „menschliches“ Buch betrachten, das die Entwicklung einer Glaubensgemeinschaft über 23 Jahre protokolliert. In Mekka war sie noch schwach und unterdrückt, hatte keine Möglichkeit zu bewaffnetem Widerstand. Anders in Medina, wo die muslimischen Einwanderer unter Mohameds Führung eine starke Armee aufbauten und erfolgreiche Kriege führten.

So kam es zum Paradigmenwechsel bei der Gewaltanwendung – auch weil die Gemeinschaft fast ausschließlich von Kriegsbeute und vom Freikauf Gefangener lebte. Das spiegelt sich im Koran wieder: Vor allem die Suren aus der späten Zeit in Medina sind sehr gewaltverherrlichend.

Was ist der Koran? Das Wort qur’an bedeutet auf Arabisch `Rezitation` und geht zurück auf das syrische Wort qiryan: Damit wurde ein Liturgiebuch bezeichnet, das die syrischen Christen zu Mohameds Zeit für ihre Gebete benutzten. Das heilige Buch der Muslime besteht aus 114 Suren, die längste Sure hat 286 Verse, die kürzeste nur drei. Die Suren-Nummerierung folgt keiner Chronologie, hat also nichts mit dem Zeitpunkt ihrer Offenbarung zu tun, sondern wurde vom dritten Kalifen ’Uthmān` veranlasst, der von 644 bis 656 regierte. Er wollte, dass die Suren (mit einigen Ausnahmen) der Länge nach aneinandergereiht werden. Daher trägt die erste Sure, die offenbart wurde, in der offiziellen Koran-Ausgabe heute die Nummer 96. Die zuletzt offenbarte Sure steht heute an neunter Stelle.

Wer glaubt, der Koran sei sakrosankt (unverletzlich), vergisst seine profane Geschichte. Weil Mohamed keine Nachfolgeregelung traf, kämpften nach seinem Tod verschiedene Gruppen um die Deutungshoheit über Mohameds Vermächtnis. So kam es zum Schisma, zur Spaltung in Sunniten und Schiiten. Beide Gruppen beriefen sich auf das Wort des Propheten. ’Uthmān` ließ die fragmentarischen Erzählungen Mohameds sammeln und auf Schafshäute schreiben. Bis heute gilt es als größtes Verdienst des politisch eher schwachen Führers, die Sammlung der Koran-Suren zum Abschluss gebracht zu haben, die zur Basis wurde für den offiziellen Koran. Es ist aber nicht auszuschließen, dass Textteile verloren gingen oder absichtlich nicht erfasst wurden. Der Kalif selbst ordnete an, sämtliche abweichenden Versionen zu verbrennen.

Trotzdem gehen viele Muslime heute davon aus, dass der Koran dem Propheten Mohamed direkt von Gott, durch den Erzengel Gabriel offenbart wurde – und daher nicht kritisiert werden darf. Das ist gefährlich. Denn den Koran zu lesen ist ein bisschen wie der Gang in einen Supermarkt, man findet dort fast alles: Mitgefühl und Hass; Toleranz und Intoleranz; Vergebung und Rache. Wenn moderate Muslime heute den Islam als Religion des Friedens bezeichnen, stützen sie sich vor allem auf die frühen Suren aus Mekka. Radikale Fundamentalisten verwenden eher Verse aus Medina. Beide Seiten aber halten der Gegenseite vor, sich nur die Textzeilen herauszupicken, die ihnen nützen. Das ist kein Dialog.

Ich möchte dazu aufrufen, die widersprüchlichen Passagen des Korans in den Kontext ihrer Entstehung zu setzen. Ich möchte zeigen, dass nicht die eine zeitgemäße Interpretation des Korans die Lösung sein kann, sondern nur eine Emanzipation von der unantastbaren Göttlichkeit des Textes.

Nichts ist verwirrender als eine Gegenüberstellung von Friedens- und Gewaltpassagen des Korans. Sind die heute verwendeten arabischen Begriffe silm/salam mit den im 7. Jahrhundert im Koran verwendeten Begriffen identisch? Und diese wiederum mit peace/paix? Mit salam bezeichnete man zu Mohameds Zeiten keinen dauerhaften Friedenszustand, sondern einen zeitlich begrenzten Waffenstillstand. Als Feldherr brauchte Mohamed Phasen der Waffenruhe, um seine Truppen neu zu organisieren. Heute wird meist folgender Vers als Aufruf des Korans zum Frieden zitiert: `Sind sie aber zum Frieden geneigt, so sei auch du ihm geneigt, und vertrau auf Allah.` Viele Exegeten sehen darin bis heute nur die Zulassung eines strategischen Waffenstillstands, sofern dieser den Muslimen nützt. Muslime dürfen angeblich nicht von sich aus zum Frieden aufrufen.

Und zum Töten? Töten ist Sünde. Zwei Passagen im Koran nennen es ein schweres Vergehen. Erstens in Sure 6: `... tötet kein Leben, das Allah verwehrt hat, es sei denn mit gerechtem Grund.` Das Tötungsverbot ist hier klar ausgesprochen, doch scheint der Zusatz `es sei denn mit gerechtem Grund` auch Tötungen zu legitimieren. Zweitens heißt es in Sure 5: `Deshalb haben wir den Kindern Israels verordnet, wer eine Seele ermordet, ohne dass der einen Mord oder eine Gewalttat im Lande begangen hat, soll sein wie einer, der die ganze Menschheit ermordet hat.`

Oft wird dieser Vers als islamisches Gebot dargestellt. Tatsächlich ist er ein Zitat aus dem Talmud und beschließt die Geschichte von Kain und Abel: Weil der älteste Sohn Adams seinen jüngeren Bruder getötet habe, teile Gott den Juden mit, dass die Tötung einer einzigen Seele so schwer wiege wie die Tötung der gesamten Menschheit.

Im darauffolgenden Vers heißt es: `Siehe, der Lohn derer, welche Allah und seinen Gesandten befehden und Verderben auf der Erde betreiben, ist nur der, dass sie getötet oder gekreuzigt oder an Händen und Füßen wechselseitig verstümmelt oder aus dem Lande vertrieben werden.` Manche Koran-Kommentatoren sagen, den Tod verdient hätten nur Kämpfer, die mit Waffengewalt gegen den Islam vorgehen. Andere sehen jeden, der vom Islam abfällt, den Propheten beleidigt oder einen Muslim hindert, die Botschaft des Islams zu verkünden, als todeswürdigen Feind Allahs.

Liest man den Koran chronologisch, stellt man fest, der Prophet ruft anfangs zum Gewaltverzicht auf. Später gibt er die Erlaubnis, sich im Falle eines Angriffs zu verteidigen. Dann erst folgt die Verherrlichung des Krieges, bis schließlich der totale Krieg gegen alle Ungläubigen verkündet wird. – Wer entsprechende Koranstellen unkritisch tradiert, der muss sich nicht wundern, wenn Islamisten weltweit junge Muslime für den Dschihad begeistern. Heute sehen wir in den Straßen von Gaza, Beirut, Bagdad die Porträts gefallener Märtyrer an Mauern und Hauswänden, darunter stehen Lobgesänge. Selbst während des Arabischen Frühlings, der anfangs von säkularen Kräften getragen wurde, war der Märtyrerkult um getötete Demonstranten in Ägypten und Tunesien allgegenwärtig.

Was tun? Nicht jeder, der durch den Supermarkt des Korans geht, kauft ein. Viele Muslime hören oder lesen die widerstreitenden Passagen, aber verspüren keinen Drang, die Schrift in die Tat umzusetzen. Sie pflegen einen ähnlich entspannten Umgang mit ihrer Religion wie Katholiken, Protestanten oder Juden. Die Christen hatten ihre Kreuzzüge und die Phase des Kolonialismus, in denen sie nach dem Prinzip verfuhren: erst das Schwert, dann die Bibel. Sie hatten ihre Kirchenspaltung und haben es im Laufe der Zeit doch geschafft, Gräben zu überwinden und sich in der Ökumene zu vereinen.

Die Spaltung zwischen Schiiten und Sunniten besteht jedoch fort, teils stehen sie sich unversöhnlicher gegenüber denn je. Schuld ist nicht allein der Koran. Schuld sind die, die einen heiligen Hass pflegen und ihn mit Koranpassagen rechtfertigen. Schuld sind aber auch moderate Muslime, die den Koran als unantastbar verteidigen und dadurch die Fanatiker indirekt unterstützen.

Wie wird Frieden? Europa hat sich von der Übermacht der Religion und von der Inquisition des Mittelalters erst dadurch befreit, dass eine Kultur der Fragen die Kultur der fertigen Antworten ersetzte. Zweifel und kritisches Denken setzten eine Wissensrevolution in Gang, von der die ganze Welt profitierte. Dadurch verschwand das Christentum nicht, doch der Einzelne wurde befähigt, sich von seiner Herkunft, Religion und Nation zu distanzieren.

Es geht bei Religionskritik nicht darum, die Religion abzulehnen. Sie soll die Gläubigen immun machen gegen Bevormundung und Fanatismus. Wenn der Westen jetzt verhindern will, dass die Islamkritik von Rechtspopulisten instrumentalisiert wird, dann müssen Muslime und Nichtmuslime gemeinsam Islamkritik üben, aber gerecht. Es reicht nicht, nach Anschlägen zu sagen, die Islamisten würden den Islam missbrauchen.

Im Koran sind beide Botschaften enthalten: die der Liebe und die des Hasses. Es ist unsere Entscheidung, welche Botschaft gilt. Nur wir Menschen können den Koran vom Sockel der Unantastbarkeit herunterholen. Nicht Gott und nicht der Prophet, sondern wir selbst müssen die Frage nach der Zukunft des Islams beantworten – die Antworten werden nicht vom Himmel fallen.

(Hamed Abdel-Samad: „Der Koran. Botschaft der Liebe. Botschaft des Hasses“. Droemer Verlag“, 2016)

(Aus: DAS PROGRAMM Oktober bis Dezember 2017, Swedenborg Zentrum Berlin)


Die Neuoffenbarung Jesu:

Jesus: "Meine Lehre aber ist in sich ganz kurz und leicht zu fassen, denn sie verlangt vom Menschen nichts, als dass er an einen wahren Gott glaube und ihn als guten Vater und Schöpfer über alles liebe und seinen Nebenmenschen wie sich selbst, das heißt, ihm alles das tue, von dem er vernünftigermaßen wünschen kann, dass ihm auch sein Nebenmensch tue..." (GEJ.07_140,03)


Jedoch:

"Der pure Buchstabe der Schrift tötet, nur der Geist macht lebendig." (GEJ.08_064,16)

"Liebe ohne Weisheit und Weisheit ohne Liebe (können) nicht bestehen!" (Sg.01_031,61)