„So du zu Ihm, deinem Gott und Vater in Jesu gehst, da gehe in der Liebe deines Herzens zu ihm und nicht mit dem Verstande! Denn nur durch die Liebe kannst und wirst du ihn gewinnen und Ihn in seiner Göttlichkeit auch begreifen; mit dem Verstande aber wirst du ewig nichts ausrichten! Denn nur die reine Liebe ist einer ewigen, endlosen, dem Wesen Gottes entsprechenden Steigerung fähig, während dem Verstande enge Grenzen gesetzt sind, über die er nicht zu klettern vermag.“ (GEJ.04_077,09

 

 

Warum wir leben

 

Die ganze Weisheit aller Himmel

 


Sagte Mucius: „Da Du, o Herr und Meister, es mir erlaubt hast, so bitte ich Dich um eine rechte Aufklärung, warum wir Menschen denn leben, was aus uns nach dem Tode wird, und wie wir am besten in alle Weisheit des Lebens eingeführt werden können. Du sagtest mir gestern, dass durch Halten Deiner beiden Gebote, welche mir Dein Jünger auch näher auseinandersetzte, die rechte Erkenntnis im Herzen des Menschen selbst erwache, - aber das Wie ist mir doch noch sehr verschleiert geblieben, und so bitte ich Dich um ein rechtes Licht darüber."

 

Sagte Ich zu dem Wirte:Mein lieber Mucius, gerade diese drei Fragen, welche Du stellst, fassen in sich ja die ganze Weisheit aller Himmel und die Gründe Meines Lehramtes auf dieser Erde. Soviel daher auch schon von Mir darüber geredet worden ist, so kann doch nie genug immer wieder von neuem die Grundlehre wiederholt werden, damit das geistige Herz des Menschen diese ewigen Wahrheiten völlig in sich aufnehme, recht in sich verdaue und völlig in Fleisch und Blut in sich verwandle. Ich will daher deinet- und Phoikas´ wegen in erster Linie, als noch fremd in Meiner Lehre, und dieser Meinen wegen, welche schon längere Zeit um mich sind, trotzdem aber in alle Wahrheit noch nicht völlig eingedrungen sind, in zweiter Linie, deine Fragen ausführlich beantworten. – Höret also wohl zu!

 

Der Mensch lebt aus zweierlei Gründen, die er als eine Mittelsperson in sich zu vereinen hat. Einmal als Schlussstein der äußeren, materiellen Schöpfung, in der er als die Krone der Schöpfung gepriesen und genannt wird, das anderemal als der Anfangspunkt der rein geistigen Welt, die mit ihm die erste Stufe der vollständig freien Selbsterkenntnis erreicht hat. Er ist nach der einen Seite hin also der Anfang, nach der anderen Seite das Ende einer Kette und hat in sich, durch sein geeignetes Leben (nach den Geboten Gottes) und die freie Entwicklung, das rechte Bindeglied zu finden, diese beiden Ketten zu einen. Ich werde euch das klarer auseinandersetzen.

 

Alle Wesenheit von dem kleinsten Geschöpf an bildet eine aufsteigende Stufenreihe, und zwar in der Art, dass eine Stufe stets die andere ergänzt, größere Vollkommenheiten bietet und dadurch auch eine stets größere Intelligenz entwickeln kann. Sehet an die Tiere, wie es da niedere Arten gibt, die nichts anderes zu bezwecken scheinen, als ihren Leib zu erhalten und andern zum Fraße zu dienen! Kommt ein Feind ihres Leibes und Lebens, so ergeben sie sich stoisch in ihr Schicksal und wehren sich nicht, sind es auch nicht imstande; sehet da an viele Insekten und niedere Amphibien! Weiter hinauf findet ihr jedoch schon die Intelligenz so weit entwickelt, dass sich Tiere der Gefahren, die ihrem Leibe drohen, mehr bewusst sind und sich ihnen auch zu entziehen wissen durch allerhand, manchmal listige Streiche. Bei den noch höherstehenden Tieren findet ihr diese Eigenschaft noch mehr entwickelt, und sie sind daher auch mit geeigneten Waffen versehen, wie scharfen Krallen und Zähnen, um sich ihrer Feinde zu entledigen und damit aber auch gleichzeitig Feinde anderer Tierarten zu werden. Es entsteht nun ein gegenseitiger Kampf, in dem List und Schlauheit angewandt werden, allerdings zum Töten der Leiber, aber zum Fortschreiten des Intellekts, damit der allmählich sich entwickelnde Charakter, der mit immer höher steigenden Tieren deutliche Vielgestaltigkeit erlangt, sich bilden kann.

 

Es naht sich nun eine Grenze, von der aus die Tiere geneigt sind, sich dem Menschen anzuschließen, die ihr dann Haustiere nennt. Diese sind durchweg gesitteter oder zahmer, wie ihr sagt. Sie können sehr weitgehende Intelligenz entwickeln und abgerichtet werden. Sie werden dadurch gewisserart dem Menschen, zwar nicht in der äußeren Form, aber wohl in gewissen Charaktereigentümlichkeiten ähnlicher. Ihr könnt hier oftmals recht verblüffende Handlungen der Tiere beobachten, welche von einer Überlegung zeugen und auch von einer gewissen Urteilskraft, so dass ihr staunt und geradezu sagt: Dem Tier fehlt nur die Sprache. Sehet, das sind solche, die in ihrer geistigen Entwicklung nur noch den Schritt bis zum Menschen zu tun haben, ähnlich wie ein unmündiges Kindlein auch nur noch einen gewissen Schritt der Jahre zu tun hat, um ein verständnisvoller Mensch zu werden!

 

Beim Tier kann das Ziel aber nicht erreicht werden, da die Seelenform noch nicht vollendet ist, während im Kinde, das doch oft viel dümmer und unbeholfener erscheint, die entwicklungsfähige Seelenform vorhanden liegt, wie in jedem Samenkorn das Bild der zukünftigen Pflanze. Alle diese Tiere, deren Zahl so unendlich groß ist, um eine möglichst große Verschiedenheit der Charakteranlagen ermöglichen zu können, stehen aber unter dem Mussgesetz, damit sie sich nach der einen bestimmten Richtung hin – die also `möglichst hohe Intelligenz`heißt – entwickeln zu können, das heißt, sie sind nicht imstande, anders zu handeln als der Kreis zulässt, der ihre Seelenform umschließt. Zeigt zum Beispiel einem Vogel noch so genau an, dass es doch besser wäre, nicht ein offenes Nest, sondern vielleicht ein geflochtenes Haus zu bauen, - er wird dennoch bei seinem Nest bleiben! Und ihr könnt sicher sein, dass seit Entstehung der Arten jede Art sich ihre Wohnstätte allezeit so gebaut hat, wie es auch jetzt noch geschieht. Der Grund liegt in dem gewisserart beschränktem Horizont (Seelenform), den zu erweitern nicht möglich ist, - genauso wie ein Kind noch nicht die schwierige höhere Rechenkunst würde lernen können, wenn es noch nicht die Anfangsgründe begriffen hätte.

 

Bei den Tieren harmonieren die verschiedenen zu durchschreitenden Formen mit den Zeitabschnitten oder Entwicklungsjahren des Menschen. Ist nun die höchste tierische Intelligenz entwickelt – beachtet wohl, es kommt da nie auf die äußere Form, sondern nur auf die seelische Entwicklung an! -, so können diese entwickelten Intelligenzen zusammenfließen zu der Menschenseele, die also nun in sich erstens die sich gegenseitig ergänzenden, höchstentwickelten Intelligenzen enthält, dann aber, da sie Stufenfolge vieler niederer Leben ist, ein Abbild sein muß des ganzen niederen Lebens überhaupt, weil sie alles dieses in sich enthält. Sie ist also nun der äußeren Form und der entwicklungsfähigen inneren Form nach abgeschlossen. Die Krone der Schöpfung, die Menschenform, mit einem höchst entwicklungsfähigen Keim ist in dem neugeborenen Menschen erreicht.

 

Jetzt beginnt die zweite Aufgabe: Der Mensch soll die höchst mögliche freie Erkenntnis erlangen in der Erkenntnis des Schöpfers und Entwicklung des inneren Menschen. Bisher war die Seelenform stumpf, kümmerte sich nicht um geistige, sondern nur um materielle Dinge, und es galt für sie nur das Recht des Stärkeren. Die Gottheit will jedoch, dass ihr Werk, das mühsam bis hierher geleitet worden ist, sie nun auch erkenne, sich ihr zu nähern suche aus Liebe, nicht aus Furcht vor ihrer Stärke. Was ist da zu machen?

 

Die Gottheit muß sich verhüllen, wenn sie dieses Ziel erreichen will, das heißt, sie muß ihr Geschöpf in Verhältnisse stellen, die es ihm ermöglichen, frei aus sich die Gottheit anzuerkennen oder nicht. Dabei darf die Gottheit keinen Zwang ausüben, da sonst die zu vermeidende Furcht und nicht die Liebe die Willensrichtung beeinflusst. Bedenket aber selbst, wie es euch gefallen würde, wenn ihr nur von Dienern umgeben sein würdet, die lediglich aus Furcht, anstatt aus Liebe euch dienen würden! Dieses Pflänzchen der Liebe kann nur entstehen, wenn die immer mehr wachsende Klarheit und Durchschauung der Dinge dem Seelenmenschen zwanglose Beweise von der großen entgegengebrachten Liebe und Weisheit der Gottheit schafft, die ihn zur Bewunderung und Liebe hinreißen.

 

Dem Seelenmenschen wird nun jedoch ein Leiter beigegeben; denn die pure Seele allein würde als vollendete Form, die nicht weiter ausgebildet werden kann, nichts Höheres mehr über sich erblicken, wenn nun nicht ein geistiges Fühlen, das Empfinden einer Macht in sie einfließen könnte, die sie demütigt und nun anhielte, ihren Schöpfer zu suchen. Und das ist der göttliche Funke, der als Geist in sie hineingelegt wird, der gleichzeitig mit ihr sich entwickeln soll, sie immer mehr durch eine rechte Erziehung durchdringen und durch Selbstbelehrung in alle Erkenntnis einführen soll. Diese gerechte Ehe, die bei der Geburt des Menschen schon beginnt, ist aber gewaltig gestört worden, indem jetzt nur die Entwicklung der Seele durch die zwangsweise Körperentwicklung wohl geschieht, der innere Geist aber meist nur als ein Embryo in ihr verbleibt. Zweck des Lebens aber ist es, beide gleichzeitig fortschreiten zu lassen, so dass eines immer im gerechten Abhängen von dem andern steht. Dieser Geistesfunke ist von Gott und enthält in sich alle Wahrheit und gerechte Erkenntnis von Hause aus. Durch ihn steht der Mensch in engster Verbindung mit dem Urgeiste Gottes selbst und kann durch ihn eindringen in alle Geheimnisse und Weisheit Gottes Selbst. Freilich haben davon die wenigsten Menschen nur eine Ahnung. Und diese Ahnung, die manchmal nur noch schwach hervorblitzt, aufleuchten zu lassen zur vollen Gewissheit und zum Wissen, ist der Zweck Meines Lehramtes, - und der Weg hierzu wird gegeben durch Meine Lehre.

 

Mein Jünger Johannes hat dir schon gesagt, und Ich bestätige dir es, dass in den zwei Geboten: `Liebe Gott über alles und deinen Nächsten wie dich selbst!` die zehn Gebote Mosis und alles Weitere enthalten ist, was der Mensch zu tun hat, um den in ihm wohnenden Geistesfunken zu erwecken und mit seiner Seele immer mehr zu einen. Denn nur in dem gerechten Wandel vor Gott und in den rechten Liebestaten für euren Nächsten findet ihr wahre Befriedigung, den inneren Frieden und die rechte Überwindung eurer Leidenschaften und des Todes. In wem einmal die Überzeugung wach geworden ist, die es ihm unmöglich macht, gegen diese Gebote zu verstoßen, der spürt auch schon auf dieser Erde den wahren Himmel; denn er ist unanfechtbar geworden für alle Angriffe des Bösen, dadurch ein  rechter Herrscher in sich und aus sich heraus ein Herrscher über die Natur. Denn da, wie ihr wisset, die Seele des Menschen in sich alles enthält, was die Erde an Wesen trägt, so ist es doch ganz natürlich, daß, wenn einmal der Geist in seinem dieses alles enthaltenden Hause die Herrschaft gewonnen hat, er auch über die mannigfaltigen Abbilder seines Ichs muß herrschen können, gleichwie ein König, der sich aus dem Sklavenstande zum Throne emporgeschwungen hat, jetzt widerstandslos herrscht über alle Stände, denen er selbst angehörte. Wohlgemerkt aber nur, wenn der Mensch in sich das Bindeglied der Kette fand, die Meine Lehre bildet, und beide Ketten zu einer einzigen, unzerreißbaren verband!

 

Als letztes Glied der materiellen Kette, welche nur die höchste Seelenform und die dadurch bedingte Menschenform bildet, ist er völlig machtlos und selbst nichts anderes als ein höchst intelligentes, wohlgebildetes Tier. Ich denke, ihr werdet nun verstanden haben, warum ihr lebt, und wie ihr zur rechten Erkenntnis gelangen könnt." 

 

Sagten alle, noch voll staunenden Zuhörens: „Ja, Herr und Meister.“

 

Ich aber fuhr nun fort: „Es bleibt nun noch die dritte Frage zu beantworten übrig, nämlich: was nach dem Tode mit dem Menschen wird. Wenn es sich also verhält, wie Ich euch sagte, so ist es auch klar, dass der geistige Mensch, der im Erdenleben nur unvollkommen sich entwickelt, weil sein schwerer Körper ihm eine große Last ist, fortleben muß; denn niemand wird wohl in sich behaupten wollen, in diesem kurzen Erdenleben eine Vollendung erhalten zu können, die ihn Gott schon ganz nahe bringt. Es treten ihm gar mancherlei Hindernisse im Körper entgegen, Versuchungen aller Art, damit sein Charakter sich stähle, sein Wille geübt werde, sich selbst Gewalt anzutun und das Gute immer mehr anzuziehen und die bösen Regungen aus sich auszuscheiden.

 

Erst jenseits tritt er in eine neue Welt, die ihm die Wunder Gottes und das Weltall immer mehr enthüllt, wo er mit geistigem Auge sieht und nicht mit den schwachen fleischlichen Augen, die ihm die Materiewelt vorführen. Im Anschauen der großen Wunderwerke erkennt er aber nun, daß die echte Seligkeit allein in der Tätigkeit liegt, und daß Gott Selbst das allertätigste Wesen ist. Je nach seinem Fortschreiten kann ihm dann auch ein rechtes Arbeitsfeld gegeben werden, das er allerfleißigst ausfüllt; und er wird in dieser Tätigkeit und in dem Beschauen seiner nützenden Arbeit die rechte Freude und höchste Seligkeit genießen."  (GEJ.11_009,05 ff)