Die Quelle der Welt jenseits des Todes ist die Liebe. Sie ist das Leben des Menschen, aus dem die Fülle der geistigen Formen entsprudelt, die einst den Anschauungsreichtum unserer geistigen Welt ausmachen werden.


 

Das Leben danach …

 

Thomas Noack

 


Eine große Zahl evangelischer Theologen leugnet die Unsterblichkeit der Seele. Diese Vorstellung entstamme der griechischen Philosophie und könne daher nicht christlich sein: "Durch den Tod zur Unsterblichkeit, per aspera ad astra - das ist die Zwangsvorstellung, die ein platonisiertes Christentum beherrscht hat, von der ein sich entplatonisierendes Christentum jedoch Abschied nehmen muß."1 Folglich gilt: "eine Unsterblichkeit der Seele gibt es nicht."2

 

Damit ist auch das Fortleben der Seele nach dem Tode hinfällig geworden. Wilfried Joest ist sich sicher, daß die "Erkenntnis der Verkoppelung alles psychischen Geschehens mit physikalisch analysierbaren Vorgängen im zentralen Nervensystem … der Vorstellung einer leiblosen Fortexistenz der Seele" entgegensteht.3 Aussagen dieser Art ließen sich beliebig vermehren. Sie alle belegen, daß die Unsterblichkeit kein Thema mehr ist.

 

Wir wollen unsere Ausführungen daher mit der Feststellung beginnen, daß die Seele dennoch unsterblich ist und gleich nach dem Tode fortlebt.4

 

Den anrüchigen Terminus "Unsterblichkeit der Seele" verwendet  SWEDENBORG in JG/F 33, EO 224 und HH 456. Außerdem schreibt er:  "Die Seele des Menschen, über deren Unsterblichkeit viele geschrieben haben, ist sein Geist. Dieser ist unsterblich …" (HH 432). "Der Geist des Menschen kann ohne den materiellen Körper bestehen. Und tatsächlich bleibt er auch bestehen, wenn er durch den Tod vom Körper getrennt wird." (HG 5114).

 

Auch LORBER spricht von der Unsterblichkeit der Seele: Ev VI.68.5 und Ev VIII.4.6. Für ihn ist der "Geist" "unsterblich" (GS II.111.5). Daher kann er von einem "Fortleben der Seele nach dem Tode des Leibes" (Ev IV.90.3) reden. Von einem Fortleben der Seele ist auch in Ev VI.68.1, Ev VI.107.10 und Ev VIII.129.1 die Rede.

 

Freilich ist die Seele nicht als solche unsterblich, sondern aufgrund ihrer Verbindung mit Gott (NJ 223). So gesehen hat die Kritik an der Unsterblichkeitsidee eine gewisse Berechtigung.

 

Die katholische Kirche hält an der Unsterblichkeit der Seele fest. Die gegenteiligen Meinungen namhafter evangelischer Theologen werden abgelehnt.5 Allerdings kann auch die katholische Theologie das Weiterleben der Seele nicht als "die intensivere Seinsweise"6 erkennen, denn das eigentliche Ereignis ist die Auferstehung der Toten am  jüngsten Tag. Die Fortexistenz der Seelen zwischen Tod und Auferstehung ist nur ein "Zwischenzustand", nichts Endgültiges.

 

Nach Paulus ist Christus der "Erstgeborene von den Toten" (Kol 1.18). "Was  an Christus geschieht, geschieht auch am Christen. Denn Christus ist der Erstling, dem alle anderen folgen."7 Die Auferstehung Christi ist der Modellfall für alle Menschen! Das sieht Swedenborg anders. Die leibliche Auferstehung Christi war nur möglich, weil er aus dem Göttlichen die Macht hatte, sein Menschliches zu vergöttlichen.

 

SWEDENBORG: Da der Herr "das natürliche Menschliche bis ins Letzte hinein vollständig verherrlichte, so ist er auch mit dem ganzen Körper  auferstanden, was  keinem  anderen Menschen  geschieht." (GLW 221).  Ebenso HG 5078.

 

LORBER: Eine grobsinnlich verstandene "Auferstehung des Fleisches" gibt  es nicht. Es ist "leicht verständlich, daß der irdische Leib, so er einmal entseelt worden ist, nimmerdar auferstehen und in allen seinen Teilen wieder belebt werden wird" (Ev VI.54.4).

 

Dennoch läßt sich der Vorstellung von der Auferstehung des Fleisches ein geistiger Sinn abgewinnen.

 

Die jenseitige Seele wird mit den feineren Substanzen des Leibes komplettiert:

 

SWEDENBORG: "Jeder Mensch legt nach dem Tode das Natürliche … ab, während er das Geistige ... beibehält, zusammen mit einer Art von Saum (limbo) aus den reinsten Substanzen der Natur, die es [das Geistige] umgeben." (WCR 103).8

 

LORBER kennt eine ähnliche Vorstellung: "Was an ihm [dem Leib] noch Substantielles und der Seele Angehöriges ist, das wird der Seele auch wieder gegeben" (Ev VI.53.11). Vgl. auch EM 40.

 

Außerdem sind "das lebendig gemachte Eigene" (HG 3540) bzw. "die guten Werke" (Ev V.238.1) das Fleisch der Seele, das mit ihr auferstehen wird:

 

SWEDENBORG: Die Seele "bildet ihren Leib in den aufrichtigen und gerechten Handlungen des Menschen. Der geistige Leib, der Leib des Menschengeistes, hat nur darin seinen Ursprung, das heißt, er wird lediglich aus dem gebildet, was der Mensch aus seiner Liebe oder seinem Wollen ausführt." (HH 475).

 

LORBER: "Unter der Auferstehung des Fleisches aber verstehe du die guten Werke der wahren Nächstenliebe" (Ev V.238.1). Vgl. auch Ev VI.54.10.

 

Die auferweckte Seele ist kein Lufthauch oder formloses Gebilde. Sie lebt auch nach dem Tode in einem Leib, der dann jedoch "geistig" ist. Ihr fehlt nichts; sie ist ein Mensch in ganzer Gestalt. Schon Paulus sprach von einem "geistigen Leib" (1.Kor 15.44). Und  auch für die katholische Kirche ist die Auferstehung "nicht die Wiederaufnahme des von der Seele verlassenen Leibes in seiner alten Form"9. Man ist sich bewußt, daß eine "Verwandlung" erfolgen wird. Wenn aber der neue Leib ganz anders sein wird, warum kann man sich dann nicht ganz von den "alten Knochen" lösen?

 

SWEDENBORG: Der Mensch in der geistigen Welt ist "mit einem geistigen Leib angetan". (JG/F 36). Ebenso HH 461. "Der Mensch steht sogleich nach dem Tode wieder auf und erscheint sich dann in einem Körper ganz so wie in der Welt" (HG 5078). "Die tägliche Erfahrung vieler Jahre bezeugt mir, daß der Geist des Menschen nach der Lösung vom Körper Mensch ist, und zwar in derselben Gestalt." (HH 456).

 

LORBER: Die Menschen "werden auch dort [im Jenseits] mit Leibern angetan sein, aber nicht mit diesen irdischen, grobmateriellen, sondern mit  ganz neuen, geistigen" (Ev VI.54.9). "wenn der Geist … die Materie verläßt, da verläßt er sie aber dennoch nie als ein vollkommen reinster, freiester Geist, sondern er verläßt sie stets in einem neuen ätherischen Leibe, den er dann ewig nie verlassen kann." (HGt III.88.8). Vgl. auch Ev IV.51.3 und Ev VIII.25.3. "Siehe, die Seele hat dieselbe Gestalt und Form wie ihr Leib, aber nur in durchaus vollkommenerem Maße." (Ev VII.209.19) "Die Seele des Menschen ist … zu einer vollkommenen Menschenform zusammengesetzt" (Ev VII.66.5). Vgl. auch Ev II.195.2.

 

Soweit zur Auferstehung der Toten. Aber auch der jüngste Tag ist völlig falsch verstanden worden. Das neutestamentliche Originalwort "he eschate hemera" bedeutet "der letzte (also jüngst angebrochene) Tag". Der jüngste Tag ist somit kein ferner Tag der Weltgeschichte, sondern der letzte Tag des irdischen Lebens, d.h. der Todestag.

 

SWEDENBORG: "Der jüngste Tag ist für jeden dann gekommen, wenn er stirbt. Dann vollzieht sich für ihn auch das Gericht." (HG 5078). Vgl. auch HG 4527.

 

LORBER: Auf die Frage, "wann der 'jüngste Tag' kommen werde", antwortet der Herr: "Wann der ältere vergangen ist, so kommt auf den älteren dann stets ein jüngster; und da Ich niemanden an einem schon vergangenen Tage erwecken kann, so muß das ganz natürlich an einem jüngsten Tage geschehen, weil dazu ein vergangener, älterer Tag unmöglich mehr zu gebrauchen ist. Ist denn nicht jeder neue Tag, den ihr erlebt, ein jüngster Tag? ... Ich sage es euch, daß ihr alle am jüngsten Tage sterben werdet und auch unmöglich anderswann als an einem jüngsten Tage vom Tode zum Leben erweckt werden werdet" (Ev II.42.2). Ebenso Ev I.139.10, Ev VI.54.11, Ev I.149.2 und Ev X.155.1.

 

Swedenborg und Lorber bewahren die Wahrheitsmomente der alten Lehre von der Auferstehung der Toten am jüngsten Tag, vermeiden aber die derben, materiellen Mißdeutungen. Damit ist der Weg frei für eine lichtvolle Jenseitslehre, die zugleich tiefgreifend in das irdische Geschehen eingreifen kann. Keine Vertröstung auf bessere Tage ist das Bild von der anderen Welt, sondern ein Licht von oben, das uns die wahre Bedeutung des sterblichen Lebens erst so recht erkennen läßt.

 

Himmel und Hölle sind aus dem menschlichen Geschlecht. Bisher glaubte man, Engel und Menschen seien zwei verschiedene Wesensgattungen. Während die Natur der Engel rein geistig sei, sei die Menschennatur aus Geist und Körper  zusammengesetzt. Daher der materielle Auferstehungsglaube, wonach die entleibte Seele ihren Leib wiedererhalten müsse. Swedenborg und Lorber lehren, daß Mensch und Engel nur durch die Schwelle des Todes voneinander getrennt sind. Menschen sind werdende Engel, und Engel sind vollkommene Menschen.

 

SWEDENBORG: "In der Christenheit ist völlig unbekannt, daß Himmel und Hölle aus dem menschlichen Geschlecht hervorgegangen sind. Man glaubt allgemein, die Engel seien am Anfang erschaffen worden und daher stamme der Himmel. Der Teufel oder Satan aber sei ein Engel des Lichts gewesen, sei jedoch, weil er sich empört habe, mit seiner Schar hinabgestoßen worden und daher stamme die Hölle. Die Engel wundern sich sehr darüber, daß ein solcher Glaube in der Christenheit herrscht und wollen daher, daß ich aus ihrem Mund versichere, daß es im ganzen Himmel keinen einzigen Engel gibt, der am Anfang erschaffen worden, noch in der Hölle irgendeinen Teufel, der als Engel des Lichts erschaffen und später hinabgestoßen worden ist. Vielmehr seien alle im Himmel wie in der Hölle aus dem menschlichen Geschlecht." (HH 311 mit Auslassungen).

 

LORBER: "Übrigens gab es im wahren Himmel niemals irgendeinen  Engel, der nicht zuvor auf irgendeiner Erde ein Mensch gewesen wäre."10 (Ev VII.56.8). Auch "wir [Engel] waren einmal auf irgendeinem Weltkörper das, was ihr [Menschen] nun seid." (Ev VI.190.3). "Es gibt in der ganzen Natur- und Geisterwelt keine sogenannten Urteufel, sondern nur solche, die schon früher als unverbesserlich schlechte und lasterhafte Menschen einmal auf der Welt gelebt haben" (Ev V.97.5). Da dieses Wesen, nämlich Satan, "sich aber schon in solcher Zeit eine Menge gleichgesinnter Geister aus dem menschlichen Geschlechte herangebildet hatte, so wirkte es dann durch diese seine Engel; denn ein Diabolus oder Teufel ist nichts anderes als ein in der Schule des Satans herangewachsener und ausgebildeter Geist." (EM 56). Der Mensch ist "im Grunde auch ein angehender Engel" (Ev III.3.2).

 

Das menschliche Geschlecht ist "die Pflanzschule des Himmels" (EW 3 und JG 10).11 Himmel und Hölle sind die Pole der menschlichen Entwicklungsfähigkeit. Der Himmel ist das Leben aus dem Ursprung; die Hölle hingegen das vermeintliche Leben aus den eigenen Ressourcen. Seit Swedenborg und Lorber wissen wir, daß Himmel und Hölle Zustände im Menschen sind, nicht ferne Örtlichkeiten, die uns - wenn überhaupt - irgendwann nach dem Tode erreichen werden, sondern Lebenswirklichkeiten hier und jetzt. Das sogenannte Jenseits ist die eigentliche Kraft im Diesseits. Nicht morgen kommen, sondern heute leben wir im Jenseits! Der Tod bewirkt nur eines: Das innere Leben tritt in die äußere Erscheinung; es gestaltet sich zu einer "Welt".

 

SWEDENBORG: "In keiner Weise kann man sagen, der Himmel sei außerhalb von jemandem; er ist vielmehr innerhalb; denn jeder Engel nimmt den Himmel außerhalb seiner selbst gemäß dem Himmel in sich auf." (HH 54). "Der Himmel ist bei jedem, je nach der Aufnahme von Liebe und Glauben vom Herrn, und jene, die den Himmel vom Herrn aufnehmen, solange sie in der Welt leben, kommen in dem Himmel nach dem Tode. Jene nehmen den Himmel vom Herrn auf, die den Himmel in sich haben, denn der Himmel ist im Menschen." (NJ 232f).

 

LORBER: "Denn niemand kommt weder in die Hölle noch in den Himmel, sondern ein jeder trägt beides in sich … Denn es gibt nirgends einen Ort, der Himmel oder Hölle heißt, sondern alles das ist ein jeder Mensch selbst; und niemand wird je in einen andern Himmel oder in eine andere Hölle gelangen, als die er in sich trägt." (GS II.118.10 und 12). "Die Hölle wie [auch] der Himmel hängen nur von dem innern Zustande des Menschen ab." (Ev VI.237.2).

 

Daher ist der Mensch bzw. der Engel ein Himmel in kleinster Gestalt.

 

SWEDENBORG: "Jede einzelne Gesellschaft ist ein Himmel in kleinerer Gestalt, und jeder einzelne Engel ist es in der kleinsten." (HH 51-58).

 

LORBER: "Der Mensch ist ein Himmel in kleinster Gestalt." (GS II.5.13).

 

Das innere Leben ist unermeßlich reich. Noch hat kein Mensch die inneren Räume wirklich durchschritten. Vielleicht werden spätere Zeiten den inneren Kosmos entdecken und zum Gegenstand ihrer Bemühungen machen. Aber eines wissen wir schon heute: Die Quelle der Welt jenseits des Todes ist die Liebe. Sie ist das Leben des Menschen, aus dem die Fülle der geistigen Formen entsprudelt, die einst den Anschauungsreichtum unserer geistigen Welt ausmachen werden.

 

SWEDENBORG: "Die Liebe ist das Leben des Menschen." (GLW 1).

 

LORBER: "Solches müßt ihr wissen, daß die Liebe des Menschen sein Leben ist" (GS I.34.18).

 

Wer diese Quelle gefunden hat, kann eine geistige Welt entdecken, die alles menschliche Vorstellungsvermögen unendlich übersteigt. Swedenborg und  Lorber geben nur gewisse Andeutungen von der Struktur der inneren Welt. Zunächst kann man eine Dreistufung feststellen.

 

SWEDENBORG: "Es gibt drei Himmel, die durch Grade der Höhe voneinander geschieden sind." (GLW 186). "Weil es im allgemeinen drei Himmel gibt, gibt es auch drei Höllen." (HH 542).

 

LORBER: "Es hat aber der Himmel ebenso drei Grade, wie auch die Hölle drei Grade oder Stufen hat." (Ev VII.170.14).

 

Zwischen Himmel und Hölle liegt die "Geisterwelt". Sie ist das "große Eintrittszimmer" ins Jenseits, der Tummelplatz von Meinungen und Anschauungen und die Quelle spiritistischer Kundgaben.

 

SWEDENBORG: "Die Geisterwelt ist weder der Himmel noch die Hölle, vielmehr ein Mittelort oder besser: Zwischenzustand zwischen beiden." (HH 421). "Jeder Mensch gelangt nach dem Tode zuerst in die Geisterwelt, welche die Mitte zwischen Himmel und Hölle einnimmt. Hier bringt er seine Zeiten, besser: seine Zustände zu und wird gemäß seinem Leben entweder auf den Himmel oder auf die Hölle vorbereitet." (GLW 140).

 

LORBER: "Ich bezeichne diesen Zustand [der Schwebe, in der die Seele weder dem geistigen noch dem materiellen Pole angehört] der Seelen als ein Mittelreich, in welchem die Seelen von den schon vollendeten Geistern geleitet und zuallermeist dem besseren Pole zugeführt werden." (Ev V.232.1). "Sehet an die naturmäßig-geistige Sphäre eurer Erde oder das sogenannte 'Mittelreich', welches auch den Namen 'Hades' führt ... Am besten kann dieses Reich einem großen Eintrittszimmer verglichen werden, wo alle ohne Unterschied des Standes und Ranges eintreten und sich dort zum ferneren Eintritt in die eigentlichen Gastgemächer gewisserart vorbereiten. Also ist auch dieser Hades jener erste naturmäßig-geistige Zustand des Menschen, in den er gleich nach dem Tode kommt." (GS II.120.2-3).

 

In der Geisterwelt wird der Ankömmling auf den Himmel oder auf die Hölle vorbereitet (GLW 140 und EM 31). Dies geschieht, indem die äußere Gestalt des Menschen, die persona, allmählich enthüllt wird und der Geist sein wahres Gesicht zum Vorschein bringt. Swedenborg und Lorber haben diese, sicherlich sehr komplexen Prozesse in drei Zustände eingeteilt, die sich erstaunlich ähnlich sind.

 

SWEDENBORG: "Der Mensch durchläuft nach dem Tode drei Zustände, ehe er entweder in den Himmel oder in die Hölle kommt. Im ersten Zustand ist er noch in seinem Äußerlichen, im zweiten Zustand tritt sein Innerliches hervor, der dritte Zustand aber besteht in seiner Vorbereitung." (HH 491).

 

LORBER: Ein "jeder neue Ankömmling" muß jenseits "ein Generalbekenntnis seines Lebens von A bis Z ablegen. Ist solches geschehen, dann  erst  geschieht  eine  Veränderung des  Zustandes, welcher die vollkommene Enthüllung heißt. In diesem Zustande steht ein jeder Geist völlig nackt da und gelangt dann in einen dritten Zustand, welcher die Abödung, wohl auch die Abtötung alles dessen genannt wird, was der Mensch von der Welt an Sinnlichem mitgenommen hat." (GS II.120.7).

 

Dieser  Vorgang  ist  das  Totengericht.  Es  ist  kein  von  außen  kommender,  göttlicher Urteilsspruch, sondern das Selbstgericht des Geistes. Freilich vollzieht es sich im Lichte und somit unter der Einwirkung des Himmels (vgl. HG 4809) - und da das Licht Gott ist, geschieht es in der wirkenden Gegenwart Gottes -, aber dennoch beurteilt der Geist sich selbst. Das "jüngste" Gericht ist die Entfaltung des Geistes hin zu seiner Endgestalt. Es ist so innig mit der Natur des eigenen Lebens verbunden, daß alles Fremde wegfällt. Mag der Mensch auf Erden auch noch so vielen fremden und oftmals ungerechten Beurteilungen ausgesetzt sein, den letzten Weg geht er selbst. Am Ende seiner Tage nimmt jeder selbst den Meißel in die Hand und schlägt im Lichte der Ewigkeit das wahre Bild seines Geistes eigenhändig aus der rohen Natur heraus. Daher kann Swedenborg sagen, das "ultimum vitae", die letzte Formung des Lebens sei das letzte Gericht (HG 2119).11 Es vollzieht sich - mit einer Formulierung des Lorberwerkes gesagt - "aus uns selbst und nicht aus Gott" (RB II.238.2).

 

SWEDENBORG: "Jeder wird nach seinem Leben [= Liebe] gerichtet werden, bringt also das Gericht mit sich [in die geistige Welt], weil er sein Leben mit sich bringt." (HG 4807). "Die Strafe des Bösen ist das sogenannte Gericht." (HG 1311).

 

LORBER: "Jeder wird von seiner eigenen Liebe gerichtet" (BM 16.2). Der Herr richtet nie jemanden "und am allerwenigsten in der Geisterwelt … Der Geist ist vollkommen frei und kann tun, was er will. Seine eigenen Taten aber sind hernach erst sein Richter, denn wie seine Liebe ist, so sind seine Taten, und so auch sein Leben." (GS II.121.7). "Jede Handlung hat eine von Gott aus entsprechend bestimmt sanktionierte Folge. Diese Folge ist das unabänderliche Gericht, welches jeder Handlung unterschoben ist. Also ist es vom Herrn gestellt, daß sich jede Handlung am Ende selbst richtet." (GS II.106.8).

 

Jedes Leben wird einer letzten Entscheidung für oder gegen Gott zugeführt. Doch was geschieht, wenn die Lebensentscheidung des Geistes gegen Gott ausfällt? Steht am Ende aller Biographien die Ewigkeit der Höllenstrafen oder die "Wiederbringung aller"12? Während Swedenborg eher der ersten Möglichkeit zuneigt, tendiert Lorber mehr zur zweiten. Ganz eindeutig sind beider Antworten jedoch nicht. Swedenborgs Antwort scheint aufs Ganze gesehen mehr die ewige Freiheit des Geistes zu berücksichtigen; daher kann es keine Zwangserlösung geben. Lorber hingegen geht mehr vom unauslöschlichen Liebeswillen des himmlischen Vaters aus; daher muß dem Nein des Geschöpfes wenigstens ein Dennoch der ewigen Liebe entsprechen.

 

SWEDENBORG: "Die in die Hölle kommen, bleiben dort in Ewigkeit (ibi  maneant in  aeternum)." (NJ 239).

 

Andererseits berichtet Swedenborg in seinem Geistigen Tagebuch, "es werde im anderen Leben keine Strafe als zu dem Zweck verhängt, daß durch Leiden und Qualen der Schuldige gebessert und einer guten Gesellschaft zugeteilt werden möge" (Dia. II.2826; zitiert in OT 4/1962 Seite 123).

 

LORBER: Auf die Frage eines jenseitigen Geistes: "Gibt es eine solche (ewige Strafe), oder gibt es keine?" antwortet der Herr: "Da Ich Selbst das ewigste Leben bin, so kann Ich ja doch nie Wesen für den ewigen Tod erschaffen haben! - Eine sogenannte Strafe, wo sie auch immer vorkommen mag, kann daher nur ein Mittel zur Erreichung des einen Grund- und Hauptzweckes, ewig nie aber eines gleichsam feindseligsten Gegenhauptzweckes sein! Daher denn auch von einer ewigen Strafe nie die Rede sein kann!" (RB II.226.7).

 

Andererseits gibt es "eine ewige Selchanstalt, aus der meines Wissens bis jetzt noch keine Pfade führen." (GS II,104,22) Und aus "der alleruntersten Hölle" ist "in ein und derselben Urwesenheit kein herauskommen mehr denkbar". (RB II,294,5)


(Mit Genehmigung des Verfassers, 12/12. Weitere Kommentare von Thomas Noack siehe unter "Links")

 

Anmerkungen

1 Eberhard Jüngel, Tod. 4.Auflage Stuttgart 1977, Seite 73

2 Eberhard Jüngel, a.a.O., Seite 152

3 Wilfried Joest, Dogmatik Band 2, Göttingen 1986, Seite 379f

4 Friedemann Horn hat bei jeder Gelegenheit darauf hingewiesen, daß nicht erst Swedenborg, sondern Jesus selbst an die Auferstehung unmittelbar nach dem Tode glaubte. Man beachte z.B die Ausführungen in: Wie dachte Jesus über Tod und Auferstehung? 3. Auflage 1981.

5 Monsignore Johannes Günther schreibt: "Es ist eine unsterbliche Geistseele, die den Zerfall des Körpers überdauert. Die Zweieinigkeit von Leib und Seele findet im Tod ihr Ende, aber nicht in einem `Ganztod`, sondern in der Unsterblichkeit der Seele... Die Idee vom `Ganztod` ergibt sich im Grund als letzte Konsequenz aus der im Protestantismus weithin verbreiteten Vorstellung von eienr durch den Sühnetod Adams total zerstörten Gottebendbildlichkeit des Menschen." (Was erwartet uns nach dem Tod?, hrsg. von Siegfried Raguse, Gütersloh 1983, Seite 206f)

6 Ein Wort von Friedrich Christoph Oetinger. Ich entnehme es dem Vorwort von Friedemann Horn zu Swedenborgs "Himmel und Hölle".

7 Michael Schmaus, Katholische Dogmatik, Band IV,2, München 1959, Seite 205.

8 Die Lehre vom "Limbus" ist ausführlich bei Henry de Geymüller, Swedenborg und die übersinnliche Welt, 1936 dargelegt.

9 Michael Schmaus, a.a.O., Seite 221

10 Lorber kennt jedoch auch "urgeschaffene Engel" (Ev IV.105.11) und den Fall Luzifers, aber er leitet daraus nicht die Herkunft und die Bevölkerung von Himmel und Hölle ab, so daß also auch nach Lorber alle Engel und Teufel ohne Ausnahme aus dem menschlichen Geschlecht stammen. Ausführlich habe ich diese Thematik in dem Aufsatz "Die Engel bei Swedenborg und Lorber" (in: OT 1/92) behandelt.

11 Nach HG 4664 ist das ultimum judicium das ultimum cujusvis post mortem. Das letzte Gericht ist die letzte Wahrheit, die ein Geist von sich aussprechen muß. Sie manifestiert sich in der eigenen Lebensentscheidung.

12 Griechisch: "apokatastasis panton". Diese Vorstellung spielt bei Origenes († 254) eine wichtige Rolle. Allerdings kann auf die Wiederbringung aller auch wieder ein Fall der Schöpfung folgen, denn als Grieche denkt Origenes zyklisch. Auch Lorber verwendet den Begriff der "Wiederbringung aller Dinge". Das zyklische Denken ist ihm jedoch fremd. Lorber schreibt: "Was dereinst mit den 'Verdammten' nach der 'Wiederbringung aller Dinge' geschehen wird, ist niemandem zu wissen gestattet." (Jenseits der Schwelle,  7.  Auflage 1990, Seite 128). Auffallend ist, daß von 'Verdammten'  auch  noch  nach der 'Wiederbringung aller Dinge' gesprochen werden kann.