Diese im Großen Evangelium geoffenbarte Schau des Johannesevangeliums erschließt uns den Weg ins Allerheiligste des göttlichen Herzens und kräftigt das johanneische Christentum für den neuen, ewigen Frühling des Geistes.


 

Das Große Evangelium Johannes -

Ein Juwel der Neuoffenbarung

 

Thomas Noack

 

 

Das Große Evangelium Johannes wurde von 1851 bis 1864 niedergeschrieben, in der Zeit der Leben Jesu Forschung. Mit der Aufklärung erwachte das Bedürfnis, den in den Evangelien verkündigten Christus kritisch zu hinterfragen und den wahren, den irdischen Jesus zu suchen. Und so wurden im 19. Jahrhundert zahlreiche Versuche unternommen, ein authentisches Leben Jesu zu schreiben. Als jedoch Albert Schweitzer 1906, rückblickend auf diese Bemühungen, seine "Geschichte der Leben Jesu Forschung" veröffentlichte, konnte jeder entdecken, dass es so viele verschiedene Leben Jesu wie Gelehrte gab. Die Leben Jesu Forschung war also gescheitert.

 

Von der gelehrten Welt völlig unbeachtet war unterdessen in Graz ein Leben Jesu erstanden, und zwar aus dem Leben Jesu, aus dem inneren Worte des in die Zeitläufe der Zeitläufe Lebendigen (Offb 1,18). Diese Antwort des Himmels auf die quälendste Frage des 19. Jahrhunderts nach dem wahren Jesus ging vom Vorrang und einmaligen Wert des Johannesevangeliums aus. Die Köpfe jener Zeit hingegen waren schon längst davon überzeugt, dass der johanneische Jesus historisch nicht ernstzunehmen und das stolze Gebäude der Wiederentdeckung Jesu auf dem Boden der synoptischen Evangelien aufzubauen sei. Doch die lebendige Stimme des Geistes sah gerade im vierten "das einzige und bleibend wahre Evangelium" (Hg III S.396): "Was Johannes spricht, ist allein vollkommen richtig." (Hg III S.356). "Haltet euch daher nur an den Evangelisten Johannes; denn dieses Evangelium, sowie seine Offenbarung, sind von seiner Hand geschrieben." (Hg III S.337f). Die beiden Evangelien des Johannes und des Matthäus1 "sind unter Meiner persönlichen Leitung geschrieben worden" (GEJ 1,91,8; 5,121,1). Doch nur Johannes enthält "die wichtigsten und tiefsten Dinge" (GEJ 1,100,6). "Denn in allem, was du (Johannes) schreibst, liegt das rein göttliche Walten von Ewigkeit zu Ewigkeit durch alle schon bestehenden Schöpfungen und durch jene auch, die in künftigen Ewigkeiten an die Stelle der nun bestehenden treten werden!" (GEJ 1,113,10). Dieser Johannes, Sohn des Zebedäus, war der Schüler der Herzensweisheit, der Schüler, den Jesus liebte, der an der Brust Jesu lag2 (Joh 13,23), wie Jesus, der sichtbare Gott,  an der Brust des unsichtbaren Gottes (Joh 1,18)3. Dieser Johannes hat uns Spätgeborenen den edlen Stein neutestamentlicher Liebesweisheit hinterlassen, deren Wert die Weltweisheit nicht ermessen konnte. "Johannes ist ein reiner Diamant in der Liebe, und darum sieht er auch tiefer denn jemand anders von euch." (GEJ 4,88,11). "Johannes … stellt den Geist des Menschen dar, der da völlig eins ist mit Mir, also Meine Liebe" (Hg III S.269). Diese im Großen Evangelium geoffenbarte Schau des Johannesevangeliums erschließt uns den Weg ins Allerheiligste des göttlichen Herzens und kräftigt das johanneische Christentum für den neuen, ewigen Frühling des Geistes.

 

Die Kirche war spätestens seit Irenäus von Lyon4, um 180 n. Chr., davon überzeugt, dass Johannes, der Jünger  und somit Augenzeuge, der Verfasser des vierten Evangeliums war. Erst wieder in der Zeit Jakob Lorbers wurde  diese Überzeugung nachhaltig erschüttert. 1820 eröffnete Karl G. Bretschneider, Generalsuperintendent in Gotha, den Angriff, indem er Gründe gegen den apostolischen Ursprung des Johannesevangeliums anführte,  beispielsweise die Abweichungen der ersten drei Evangelien vom vierten. Vor die Alternative Johannes oder  die Synoptiker gestellt, bevorzugte Bretschneider, dem Zeitgeist des Rationalismus folgend, die synoptische  Jesusüberlieferung. Dieser erste Vorstoß konnte zwar noch abgewehrt werden, zumal sich der einflussreiche  Friedrich Schleiermacher für einen Augenzeugen als Verfasser des Johannesevangeliums aussprach, aber schon 1835 gab David Friedrich Strauß "Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet" heraus, das ein Erdbeben auslöste, dessen Erschütterungen sogar bis in Lorbers Schreibstube zu spüren waren, denn 1843 empfing er ein lesenswertes Wort über "Dr. David Friedrich Strauß" (Hg III S.186ff). Und noch 1865 wurde aus dem Nachlass des Swedenborgianers Immanuel Tafel ein Büchlein "gegen die Angriffe des Dr. Strauß"5 herausgegeben. Doch das Erdbeben war da, und weder Lorbers Griffel noch Tafels Kampfgeist fanden Gehör. Für Strauß waren die Evangelien bar jedes historischen Wertes Mythen, sagenhafte Verherrlichungen der ersten Christen über ihren entrissenen Meister, und das Johannesevangelium war das am wenigsten glaubwürdigste, weil dessen Jesus am meisten göttlich war. Die mit Strauß massiv einsetzende Kritik erreichte über Gelehrte wie Ferdinand Christian Baur (1792-1860) und Julius Wellhausen (1844-1918), schließlich 1941 in Rudolf Bultmanns Johanneskommentar ihren Höhepunkt. In dieser Jahrhundertleistung liefen die Fäden der Forschung zusammen. Doch in der Folgezeit wurde die Haltlosigkeit dieser Gesamtlösung immer offensichtlicher, so dass heute die Grundlagenkrise in der Johannesforschung freimütig zugegeben wird. So schreibt Philipp Vielhauer: "… das Johannesevangelium hat sich je länger desto mehr als das Rätsel des Urchristentums erwiesen."6 Und Martin Hengel: "Wir wissen nach fast 200 Jahren kritischer Johannesforschung viel weniger als vor dieser Zeit, vermuten aber um so mehr."7

 

In dieser Situation ist das Große Evangelium ein bislang weithin unentdeckter Beitrag zur Exegese (= Erklärung)8 des Johannesevangeliums, wie überhaupt der neutestamentlichen Jesusüberlieferungen und der geschichtlichen  Vorgänge, die zu ihnen führten. Für die apostolische Verfasserschaft des vierten Evangeliums argumentieren vor allem englischsprachige oder katholische Forscher, beispielsweise Leon Morris in seinem Johanneskommentar ("The Gospel according to John", 1995, 4-25) oder John A. T. Robinson in seinem 1985 erschienenen Buch  "The Priority of John"9. Nach Robinson sind die Synoptiker in den johanneischen Rahmen einer mehrjährigen Wirksamkeit Jesu einzufügen und werden erst so einsichtig. Von dieser Annahme ging das Große Evangelium bekanntlich schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts aus. Die hochentwickelte, pneumatische Theologie des geliebten Jüngers spricht ganz und gar nicht gegen die geschichtliche Verlässlichkeit seiner Berichte, Johannes entfaltet sein Christusverständnis nicht auf Kosten, sondern vollkommen in der Geschichte, oder mit Robinson gesprochen, johanneische Theologie "führt uns nicht weiter von der Geschichte weg, sondern tiefer in sie hinein."10 Katholischerseits sei auf Hans-Joachim Schulz, Professor für Ostkirchenkunde, und dessen Buch "Die apostolische Herkunft der Evangelien" (1997) hingewiesen. Der Ostkirche galt Johannes seit jeher als der Theologe schlechthin und sein Meisterwerk als "geistiges Evangelium". Clemens von Alexandrien, gestorben vor 215, schrieb auf, was er von den alten Presbytern erfahren hatte: "Johannes habe zuletzt in der Erkenntnis, dass das Äußerliche (gr. ta somatika) bereits in den (synoptischen) Evangelien behandelt sei, auf Veranlassung seiner Schüler und vom Geiste inspiriert ein geistiges (gr. pneumatikon) Evangelium geschaffen."11

 

Unter lutherischen Theologen bricht derzeit Klaus Berger Verkrustungen auf. Mit beachtlichen Argumenten schlägt er "eine Frühdatierung des JohEv auf die Zeit gegen Ende der sechziger Jahre des 1. Jh."12 vor, was exakt den Angaben bei Lorber entspricht, wonach Johannes sein Evangelium "nahe gerade um die Zeit, als Jerusalem von den Römern zerstört wurde" schloß (Hg III S.358). Die meisten Neutestamentler hingegen datieren dieses Evangelium immer noch in das letzte Jahrzehnt des 1. Jahrhunderts oder noch später (vgl. W. Schmithals Spätdatierung um 140 n. Chr.). Doch gerade weil das Johannesevangelium die Gottesanwesenheit in Jesus "so unvergleichlich intensiv schildert, steht es sachlich und zeitlich am Anfang."13 Für Martin Hengel erklingt im vierten Evangelium vor allem "die Stimme eines überragenden Theologen"14, während bei seinen neutestamentlichen Kollegen sonst eher die Meinung beliebt ist, dass dieses Werk in seiner Endgestalt das Erzeugnis mehrerer Personen sei.

 

Das Große Evangelium erhellt den Weg vom irdischen Jesus, seinen Worten und Taten, zu den kanonischen Evangelien; bisher war nur der umgekehrte Weg gangbar, vom Neuen Testament zu mehr oder weniger sicher erschlossenen Vorstufen. Nun aber ergeben sich völlig neue Möglichkeiten, die christliche Glaubensurkunde zu verstehen. Im Großen Evangelium werden uns die ursprüngliche Gestalt und der ursprüngliche Zusammenhang der johanneischen Perikopen zugänglich. In ihrer Jetztform veröffentlicht wurden sie erst ungefähr vierzig Jahre nach den denkwürdigen Ereignissen der öffentlichen Wirksamkeit Jesu. In der Zeit zwischen der Auferstehung Jesu und der Publikation des schriftlichen Evangeliums hatte der einstige Jünger, der nun ein Gesandter des Gesandten war, ein Apostel, die Frohbotschaft vom ewigen Leben mündlich verkündigt und Gemeinden gegründet (GEJ 8,79,12-14); die Forschung spricht von johanneischen Gemeinden bzw. der johanneischen Schule (nota bene: des lebendigen Wortes). Daß es ein solches johanneisch geprägtes Christentum gab, bezeugen die Johannesbriefe, aber auch Joh 21,24, wo uns eine Gruppe versichert, dass der Lieblingsjünger der Zeuge und Verfasser des nunmehr verschriftlichten Evangeliums sei. Wahrscheinlich hat diese Gruppe auch die Überschrift "Evangelium nach Johannes" hinzugefügt (GEJ 1,134,9), denn der einstige Jesusjünger nannte sich selbst im Evangelium nie mit seinem Namen, sondern dort nur schlicht "der Jünger, den Jesus liebte" (Joh 13,23 u.ö.), auf diese Weise ist er im hochsymbolischen Johannesevangelium selbst zum Symbol geworden. Das Große Evangelium belegt, dass nur "Bruchstücke" (GEJ 1,216,11; 6,148,20; Joh 20,30; 21,25) den Weg ins Johannesevangelium gefunden haben; Bruchstücke freilich, die dennoch ein Ganzes darstellen, weil ihnen ein göttlicher Plan und Gestaltungswille zugrunde liegt. In den vierzig Jahren bis zur Veröffentlichung des Evangeliums haben die Aufzeichnungen und Erinnerungen des Zebedaiden eine Vertiefung in der Erfassung des Jesusgeschehens erfahren. Joh 2,22; 12,16 und 20,9 beispielsweise geben sich eindeutig als nachösterliche Sinnaufschließungen zu erkennen. Aber auch der Prolog (Joh 1,1-18) ist wohl ein ebenso großartiger, wie geistgewaltiger nachösterlicher Reflexionstext. Durch den Parakleten, den "Geist der Wahrheit" (Joh 14,17), ist es nach dem Verlust der sichtbaren Gegenwart Jesu zu jener vollständigen Einweihung in das Christusmysterium gekommen, die dazu geführt hat, dass uns das Geschichtliche im Johannesevangelium in einer so eindrücklichen Sinndichte und -tiefe vorliegt. Zwar zeichnete der Jünger schon vor Ostern "die Hauptmomente (historisch) richtig (und zudem) in rechter Entsprechung" auf (GEJ 1,34,2), aber erst nach Ostern reifte der Wein vollends zu göttlicher Klarheit. Nachdem bereits Swedenborg im 18. Jahrhundert die Wissenschaft der Entsprechungen wiederentdeckt hatte, wurde der Christenheit im Großen Evangelium der bis heute wertvollste Beitrag zum Studium des göttlichen Entsprechungs- und Lebenssinn des Johannesevangeliums (GEJ 1,9,14) gegeben. Hier findet der gottbegeisterte Schüler reichlich Speise zur vollkräftigen Entwicklung des göttlichen Geistes.

 

(Mit Genehmigung des Verfassers, 10/11. Weitere Kommentare von Thomas Noack siehe unter "Links")

 

Anmerkungen
1) Das heutige Matthäusevangelium stammt freilich von einem gewissen l'Rabbas, ist also eine pseudepigraphische Schrift (Hg III S.331).
2) "Liegen" ist hier nicht im Buchstabensinn zu verstehen, sondern meint im Geistsinn die Ruhe im ewigen Worte
3) Gottes (im Logos). Zum materiellen Missverständnis von "liegen" siehe Leopold Engel, GEJ 11,71,14. Joh 1,18 und 13,23 sind die einzigen beiden Stellen im Johannesevangelium, in denen das griechische Wort Kolpos (= Brust) vorkommt. Wie also Jesus der intime Interpret Gottes ist, so ist der Lieblingsjünger der intime Interpret des gottgesandten Jesus.
4) Siehe Irenäus, Gegen die Häresien 3,1,1 (= Eusebius, Kirchengeschichte 5,8,4).
5) Fr. Immanuel Tafel, Das Leben Jesu, nach den Berichten der Evangelisten gerechtfertigt und vertheidigt gegen die Angriffe des Dr. Strauß und des Unglaubens überhaupt, 1865.
6) Philipp Vielhauer, Geschichte der urchristlichen Literatur, 1981, 411.
7) Martin Hengel, Die johanneische Frage: Ein Lösungsversuch, 1993, 9.
8) Die ersten 17 Hefte, in die Jakob Lorber geschrieben hat, sind mit den Kürzeln "E: J:" oder "Exegesis Evang. Joannis: D: n: J: Ch:" beschriftet.
9) Die deutsche Übersetzung erschien 1999 unter dem Titel Johannes - Das Evangelium der Ursprünge.
10) John A. T. Robinson, Johannes - Das Evangelium der Ursprünge, 1999, 34.
11) Nach Eusebius, Kirchengeschichte 6,14,7.
12) Klaus Berger, Im Anfang war Johannes: Datierung und Theologie des vierten Evangeliums, 1997, 11.
13) a.a.O., 302.
14) Martin Hengel, a.a.O., 2. Hengel identifiziert diesen Theologen allerdings mit dem durch Papias von Hierapolis bekannten Presbyter Johannes. Zu diesem zweiten Johannes siehe jedoch Hg III S.358.