"Suchet nur im Herzen die Weisheit und die rechte Offenbarung aus Mir, so werdet ihr sie leicht begreifen und für euer ganzes Leben und für ewig behalten!" (GEJ.03_184,6)


 

Das Menschenbild der Neuoffenbarung

 

Thomas Noack

 

 

1. Das Menschenbild der Heiligen Schrift

2. Das Menschenbild der Moderne

3. Das Menschenbild der Neuoffenbarung

4. Gottesebenbildlichkeit

5. Die Universalität der Menschenform

6. Der Herrschaftsauftrag

7. Der Mensch, ein Bürger zweier Welten

8. Das Todesbewußtsein als Folge der falschen Lebensrichtung

9. Einige praktische Konsequenzen

10. Freiheit als Auftrag zu sinnvoller Lebensführung

11. Die Liebe ist das Leben des Menschen und das Ewige in ihm

12. Sinnvolles Tun als Weg geistigen Wachstums

13. Herzdenken

 


1. Das Menschenbild der Heiligen Schrift


Schon vor tausenden von Jahren sangen die Kinder Israels:

 

"Wenn ich die Himmel sehe, deiner Finger Werk … was ist der Mensch, daß du seiner gedenkst?" (Psalm 8.4f)

 

Beim Anblick des gestirnten Himmels drängt sich dem Menschen unwillkürlich die Frage nach der eigenen Existenz auf. Was ist der Mensch, daß Du seiner gedenkst? Was der Psalmendichter nur ahnen konnte, wird in der NO (Neuoffenbarung durch Jakob Lorber) zur Gewißheit: Die Betrachtung des Himmels führt nicht von ungefähr zur Erkenntnis des Menschen.

 

Jakob Lorber kannte das mächtige Gefühl, das uns beim Anblick des gestirnten Himmels be­seelt, und er ging ihm nach. Sein Biograph, Karl Gottfried Ritter von Leitner, berichtet:

 

"Aber bei seinem mächtigen Drange nach höherer Erkenntnis zog ihn doch die hehre Tiefe des gestirnten Himmels von jeher unwiderstehlich an.

 

Mit einem Fernrohr bewaffnet bestieg der fromme Mann den Schloßberg in Graz. Dort betrach­tete er "den narbenvollen Mondball, den Jupiter mit seinen Trabanten, den Saturn mit seinem Lichtringe, die übrigen Planeten und den sich wunderbar auftuenden Sternenhimmel von Miriaden leuchtender  Weltkörper, zu welchen sich die Milchstraße und die Nebelflecke vor dem Objektivglase seines Tubus in das Unendliche auseinanderbreiteten."

 

Ahnte er damals schon den Zusammenhang zwischen der großen Schöpfung, dem sogenannten Weltall, und der kleinen Schöpfung, dem Menschen? Jahre später offenbarte ihm die innere Stimme die Verwandtschaft der beiden Welten. Damit wurde ein Menschenbild in die Welt ge­setzt, dessen Konsequenzen noch nicht überschaubar sind. Kosmologie und Anthropologie müssen in Zukunft zusammen bedacht werden. Sie sind die berühmten zwei Seiten ein und der­selben Medaille. Die Erforschung der äußeren Welt wird durch die Erforschung der inneren Welt neue Impulse erhalten. Weise wird sein, wer den inneren Kosmos durchdringt, denn die äußere Welt ist nur ein Spiegelbild der inneren. Was nützt es dem Geist die stummen Zeugen der äußeren Welt anzuglotzen, ohne die Stimme der inneren Welt zu hören. Sie erst gibt allen Dingen den wahren Namen und läßt den homo faber (Handwerker) zu homo sapiens (weiser Mensch) werden.

 

Der Psalmendichter sah die Größe des Himmels und erkannte die Größe des Menschen. Wie fremd ist uns dieses Denken geworden! Der moderne Mensch nimmt die Weite des Universums zum Anlaß, über das Staubkorn "Erde" zu philosophieren. Wir haben leider eine gewisse Lust entwickelt, so gering wie möglich über uns zu denken. Ganz anders die Antwort des Psalmisten auf die Frage nach dem Menschen.

 

"Was ist der Mensch, daß du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, daß du dich seiner annimmst? Du hast ihn we­nig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt. Du hast ihn zum Herrn ge­macht über deiner Hände Werk, alles hast du unter seine Füße getan." (Ps. 8.5-7)

 

Diese Antwort hat das jüdisch-christliche Denken geprägt. Die entscheidenden Vorstellungen sind die Gottesebenbildlichkeit und der Herrschaftsauftrag. Sie sind schon im ersten Kapitel der Heiligen Schrift enthalten.

 

"Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Weib. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan." (Gen 1.27f)

 

Der Mensch ist also imago Dei und dominium terrae. Das ist die Summe des biblischen Menschenbildes. Wir werden sehen, daß sich unter diesen beiden Begriffen auch das Denken der NO zusammenfassen läßt. Es wird sich zeigen, daß die Verbindung dieser beiden Ideen, die Stellung des Menschen im Schöpfungsganzen und damit den Menschen selbst zutreffend be­schreibt.

 

Zum Menschbild der Bibel gehört auch der Sündenfall (Genesis 3) und der Tod. Wie diese Vorstellung in der NO aufgegriffen ist, werde ich jedoch nicht untersuchen. Das bedeutet frei­lich nicht, daß sie in der NO keine Rolle spielt. Ganz im Gegenteil! Man denke nur an die "Haushaltung Gottes", wo das ganze Drama der Ursünde Adams genauestens entfaltet wird. Selbst die Idee der Erbsünde - dem Abendland durch Augustin vertraut - fehlt in der NO nicht. (GEJ.02_224.11) Der Schwerpunkt dieses Aufsatzes wird jedoch bei der Gottesebenbildlichkeit und dem Herrschaftsauftrag liegen. Die NO greift diese uralten Ideen auf, ohne sie jedoch ein­fach nur zu wiederholen. Die NO ist nicht in der Weise neu, daß sie etwas völlig Neues lehrt, wohl aber in der Weise, daß sie das Alte neu interpretiert.

 


2. Das Menschenbild der Moderne


Mit der Säkularisation und dem Untergang des Gottesglaubens ist das biblische Menschenbild in eine Krise geraten, die die Suche nach neuen Antworten notwendig macht. Insbesondere die imago dei will dem modernen Menschen nicht mehr einleuchten. Lieber sieht er sich als "nackter Affe".

 

Stanislav Grof beschreibt in seinem Buch "Geburt, Tod und Transzendenz" drei geistesge­schichtliche Revolutionen, die zum modernen Menschenbild geführt haben.

 

"Es wird wiederholt hervorgehoben, daß den Menschen durch drei wichtige Revolutionen in der Wissen­schafts­geschichte der rechte Platz im Universum zugewiesen wurde. Die erste war die Kopernikanische Revolution, durch die der Glaube zerstört wurde, daß die Erde im Mittelpunkt des Weltalls steht und die Menschheit darin eine besondere Stellung einnimmt. Die zweite war die Darwinsche Revolution, durch die der Vorstellung ein Ende gesetzt wurde, die Menschen würden sich grundlegend von den Tieren unterschei­den. Und schließlich gab es noch die Freudsche Revolution, durch die die Psyche zum Abkömmling nied­riger Instinkte reduziert wurde." (316).

 

Durch die Reduktion des Menschseins auf die biologischen Grundfunktionen ist der Mensch nicht besser geworden. Der Herrschaftsauftrag ist in den letzten Jahren und Jahrzehnten durch den Raubbau an der Natur in Mißkredit geraten. Die Ideologie vom grenzen­losen Wachstum erweist sich als verheerender Irrtum. Es zeigt sich, daß sich die materielle Kultur ohne eine entsprechende Geisteskultur selbst zerstört (vgl. die Kulturkritik in Gen 4).

 

In den Augen der Wirtschaft ist der Mensch ein Verbraucher, dessen Daseinszweck der Konsum ist. In den Augen Gottes ist der Mensch jedoch ein Gebraucher, d.h. ein weiser Beherrscher und Benutzer der Natur. Der Konsum kann nicht Sinn und Zweck des Lebens sein. Der Umgang mit der Materie muß einem höheren Ziel dienen. Doch welchem?

 


3. Das Menschenbild der Neuoffenbarung


Grundsätzlich ist zum Verhältnis des Menschenbildes der NO zu dem der Bibel folgendes zu bemerken. Die NO bestätigt im wesentlichen die Ideen der Heiligen Schrift, stellt sie aber auf eine völlig neue geistige Grundlage, deren Wert vor allem darin besteht, daß sie überzeugend ist. Mit anderen Worten: In den Ergebnissen und Konsequenzen sind sich die NO und die Bibel erstaunlich ähnlich. Doch der weltanschauliche Hintergrund ist ein anderer.

 

Nach den Aussagen des Schöpfungsberichtes (Gen 1) wird der Mensch am 6.Tag als letztes Werk Gottes geschaffen. Der Mensch ist daher die Krone der Schöpfung. Das be­stätigt uns auch die NO. Allerdings ist der Mensch nur bezogen auf die materi­elle Schöpfung deren Krone. Bezogen auf die geistige Schöpfung ist er der Anfang einer uner­meßlichen Entwicklung.

 

Der Mensch ist "das Endziel der gesamten Schöpfung … Er ist das endlich zu gewinnende Produkt all der Vormühen Gottes." (GEJ.02_222.4) Im "Menschen liegt der Grund und der Zweck aller Schöpfung im end­losen Raume." (GEJ.08_140.5) Der Mensch lebt "als Schlußstein der äußeren, materiel­len Schöpfung, in der er als die Krone der Schöpfung gepriesen und genannt wird, das andere Mal als der Anfangspunkt der rein geistigen Welt, die mit ihm die erste Stufe der vollständig freien Selbsterkenntnis erreicht hat." (GEJ.11_9.8) (Vgl. auch HGt III.13.3ff)

 

"Meine Schöpfungen haben nimmermehr irgendein Ende. Allenthalben wirst du die Einrichtungen für dich wunderbar verschieden finden und neue Formen allenthalben von nie geahnter Majestät und Pracht. Nur die Form des Menschen allein ist die bleibende und überall gleiche. Unter die­sen zahllos vielen Bewohnern der verschiedenen Welten gibt es nur Abstufungen bezüglich der Größe, Liebe, Weisheit und Schönheit. Aber allen diesen Abstufungen liegt dennoch die un­veränderte Menschenform zugrunde, indem sie alle Mein Ebenmaß haben. Die Weisesten sind die schönsten, und die mit Liebe Erfüllten sind die zartesten und herr­lichsten!" (BM 51.6-7)

 


4. Gottesebenbildlichkeit


Als Krone und somit Schlußstein der materiellen Schöpfung steht der Mensch am Anfang einer geistigen Entwicklung, deren Ziel es ist, die Gottesebenbildlichkeit herauszuarbeiten oder die Kindschaft Gottes zu erwerben. Dazu ist dem Menschen ein göttlicher Keim ins Herz gelegt. Dieser Keim - Geistfunke genannt - ist das Ebenbild Gottes im Menschen.

 

"Der Mensch ist ganz nach dem Ebenmaß Gottes erschaffen, und wer sich selbst vollkommen kennen will, der muß wissen und in sich erkennen, daß er als ein und derselbe Mensch eigentlich … aus drei Persönlichkeiten besteht!" (GEJ.07_24.6) Sie heißen bei Lorber Leib, Seele und Geist. Wenn wir "das Leben und Sein der Seele für sich noch näher betrachten, so werden wir auch leicht finden, daß sie als auch noch ein substantielles Leibmenschwesen für sich um nichts höher stünde als allenfalls die Seele zum Beispiel eines Affen. Sie würde wohl eine instinktmäßige Vernunft in einem etwas höheren Grad inneha­ben als ein gemeines Tier, aber von einem Verstand oder einer höheren freien Beurteilung der Dinge und ihrer Verhältnisse könnte da nie eine Rede sein. Dieses höhere und eigentlich höchste und Gott völlig ähn­liche Vermögen in der Seele bewirkt ein rein essentiell geistiger dritter Mensch, eben in der Seele woh­nend. Durch ihn kann sie Wahres vom Falschen und Gutes vom Bösen unterscheiden und kann frei nach allen erdenklichen Richtungen hin denken und völlig frei wollen, wodurch sie sich selbst dem in ihr woh­nenden Geiste … nach und nach völlig ähnlich … macht." (GEJ.08_24.11f)

 

Der Geist ist das göttliche Erbe im Menschen. Seine Wirkungen in der Seele sind das Unter­scheidungsvermögen und die Freiheit des Denkens und Wollens.

 

Im Unterschied zur kirchlichen Dogmatik betont die NO die Freiheit des Willens, obwohl sie andererseits die Einschränkungen der Freiheit durch die Sünde nicht verkennt. Dennoch ist die Lehre vom unfreien Willen eine Fehlentwicklung, weil sie unweigerlich zur Prädestinations­lehre führt.

 

Auch das Ewige und Unendliche im Menschen ist ein Zeugnis seiner Verwandt­schaft mit Gott.

 

"… und doch sage Ich dir, daß ein jeder Mensch, so wie der ewige ihn umgebende Raum, Unendliches und Ewiges in sich birgt, und zwar in jeder Fiber seines materiellen Leibes, geschweige in seiner Seele und ganz besonders in seinem Geiste." (GEJ.05_211.1)

 


5. Die Universalität der Menschenform


Die Gottesebenbildlichkeit wird in der NO jedoch noch viel grundsätzlicher gefaßt. Denn Gott selbst ist der eigentliche Mensch.

 

"Gott Selbst ist der höchste und allervollkommenste, ewigste Urmensch aus Sich Selbst." (GEJ.04_56.1) "Bevor alle Engel und Menschen waren, war Ich [der Herr] von Ewigkeit her wohl der erste Mensch." (GEJ.02_39.3) "Aber Ich zeigte dir dann auch, wie Gott Selbst ein Mensch ist, und wie aus die­sem einzigen Grunde auch du und alle dir ähnlichen Wesen Menschen sind." (GEJ.01_155.5)

 

Von ihm aus senkt sich das Menschliche in alle Bereiche der Schöpfung hinab. Daher hat zunächst das geistige Universum die Form eines Menschen.

 

"Wenn ihr hinauf in Meine [des Herrn] unendliche Sphäre treten könntet, so würdet ihr das ganze unendli­che Reich der Himmel nur als einen Geistmenschen erblicken." (GS I.8.11) "Aber des Menschen Form ist aller Formen Grenz- und Schlußstein, und seine Gestalt ist eine rechte Gestalt des Himmels; denn der ganze Himmel … ist auch ein Mensch, und jeder Verein der Engel ist ebenfalls ein ganz vollendeter Mensch." (GEJ.04_55.9) (Vgl. auch GEJ.02_222.4-5) Im "Angesichte des Herrn dehnt sich da die Liebessphäre eines solchen seligen Geistes wie zu einem zweiten großen Menschen aus. Und diese Sphäre ist an und für sich so ganz eigentlich ein solcher Himmelsverein." (GS II.65.10)

 

Eine der erstaunlichsten Enthüllungen der NO ist die, daß auch das materielle Universum Menschenform hat. Es wird durch Lorber "Weltenmensch" (GEJ.06_246.1) oder der "große Schöpfungsmensch" (GEJ.08_57.1) genannt.

 

"Alle die zahllos vielen Hülsengloben stellen in ihrer Gesamtheit einen ungeheuren, für eure Begriffe end­los großen Menschen dar." (GEJ.05_114.4) (Vgl. auch GEJ.06_245.16; Hg I.311.11) "Mir ist es bekannt, daß alle Weltkörper samt ihren Bewohnern mit einem vollkommenen Menschen in vollkommener unab­änderlicher Korrespondenz stehen, und zwar also, daß eine Welt entspricht einem Gliedteile, eine andere wieder einem anderen; und so korrespondieren zahllose Welten mit zahllosen Einzelheiten, aus denen ein vollkommener Mensch durch die Macht der göttlichen Weisheit geschaffen ist." (GS II.60.5)

 

In diesem (materiellen) Universum ist der Mensch die Krone der Schöpfung, weil in ihm die Schöpfung ihre Urform wiedergefunden hat. Im geistigen Universum hingegen ist der Mensch die erste Stufe der geistigen Entwicklung.

 


6. Der Herrschaftsauftrag


Der Herrschaftsauftrag war nicht als Freibrief zur Ausbeutung der Erde gedacht, was schon daran deutlich wird, daß er vor dem Bericht vom Sündenfall steht. Die Herrschaft, die der Mensch ausüben soll, ist in erster Linie die Herrschaft über sich selbst. Die Selbstbeherrschung ermöglicht den weisen Umgang mit der Natur. Ist aber der Mensch sich selbst entglitten, dann wandelt er sich zu einem Raubtier. Gott wurde Mensch, damit der Mensch wieder der gerechte Herr über alle Kreatur sein kann.

 

"Ich [der Herr] bin … darum in diese Welt gekommen, um die … Menschheit wieder … auf denjenigen Urzustand zurückzuführen, in welchem die ersten Menschen als wahre Herren aller Kreatur sich befanden." (GEJ.04_210.2)

 

Im Anschluß an diese Worte demonstrieren unverdorbene Mohren ihre Herrschaft über die Natur. Sie ist die direkte Folge ihrer geordneten Seelenausbildung, die darin besteht, daß sie erst das Gemüt und dann den Verstand ausbilden. So wird der innere Mensch in die Lage ver­setzt, über den äußeren zu herrschen. Die Beherrschung des äußeren, unwiedergeborenen Menschen wird in der NO als der erste Grad der Lebensvollendung bezeichnet.

 

"Wer … durch den festen und lebendigen Glauben, durch die Liebe zu Gott und zum Nächsten und durch die ungezweifelte Hoffnung alle die argen Leidenschaften seines Fleisches bekämpfen kann und sonach völlig Herr über sich wird, der wird dann auch bald Herr der ganzen äußeren Natur und befindet sich eben dadurch, daß er vollkommen Herr über sich geworden ist, schon im ersten Grade der wahren, inneren Lebensvoll­endung." (GEJ.07_155.6)

 

Diesem ersten Grad schließen sich noch zwei weitere an, die hier jedoch nicht genannt werden sollen.

 


7. Der Mensch, ein Bürger zweier Welten


Der Mensch ist ein Bürger zweier Welten. Zwischen Gott und Erde ist der Mensch die Klammer. Diese Stellung im Schöpfungsganzen ist sein Schicksal und seine Aufgabe. Die NO beschreibt sie ein­drucks­voll mit den folgenden Worten:

 

"Es ist schon oft genug gesagt worden, daß die menschliche Seele aus kleinsten Anfängen besteht, wel­che, wachsend und zu immer höheren Bewußtseinssphären sich entwickelnd, schließlich im Menschen wieder diejenige Form erlangen, welche eben als irdische Form nicht weiter mehr entwick­lungsfähig ist, wohl aber in ihrer seelischen. Deswegen begegnen sich im Menschen zwei Prinzipien: das Ende des mate­riellen Lebens als höchst ausgeprägtes Selbstbewußtsein und der Anfang eines seelischen, unwandelbaren Lebens in der höchsten errungenen Formenvollendung. Deswegen kann der Mensch auf dieser Messerschneide des irdischen Lebens sich dem Bewußtsein, daß er lebt, wohl nicht verschließen - denn dessen ist er sich selbst Beweis -, aber dennoch gar keine Ahnung davon haben, daß er an der Schwelle ei­nes geistigen Lebens angelangt ist, welches nun in der unwandelbar bleibenden Menschenform seinen Anfang nimmt." (GEJ.11_75.3)

 


8. Das Todesbewußtsein als Folge der falschen Lebensrichtung


Kennzeichnend für diese Stellung ist, daß zwar das Bewußtsein des biologischen Lebens aus­gebildet ist, das Bewußtsein des geistigen Lebens aber noch unterentwickelt ist. Dieses eigentli­che Lebensbewußtsein kann sich nur dann entfalten, wenn der Mensch das Todes- oder Nichtigkeitsbewußtsein abstreift. Das lebenshemmende Bewußtsein des Todes wird überwun­den, indem sich der Mensch nicht in das Gericht der Materie hineinziehen läßt, sondern die Weite des Geistes sucht.

 

"Ja, dein Leib als Materie ist freilich ein Nichts; darum soll aber auch der große und unsterb­liche Mensch nicht für sein zeitliches und materielles Nichts sorgen, sondern für sein geistiges Alles, und er wird dann fürder nimmer sagen können, daß er ein Nichts des Nichtses sei, sondern in und mit Mir ein Alles des Alles." (GEJ.06_247.8)

 

Nach Paulus ist der Tod der Sünde Sold (Röm 6.23). Der Völkerapostel denkt hierbei an Genesis 2.17, wo es heißt:

 

"… aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm issest, mußt du des Todes sterben."

 

Man darf diesen Text jedoch nicht mißverstehen und meinen, der biologische Tod an sich sei die Strafe der Sünde. Nicht der Tod ist unser Verhängnis, sondern das Bewußtsein, mit dem wir ihm begegnen, der Wahn, mit dem Tod sei alles aus. Dieser Wahn hat sich, Angst und Schrecken verbreitend, tief in unsere Seele hineingefressen. Er ist der Sünde Sold. Das Sterben an sich ist harmlos. Daß der biologische Tod zu unserem Feind wurde, ist die Folge der ver­kehrten Lebensausrichtung: unsere Seele lebte sich in die Materie hinein und leidet nun an deren Nichtigkeit und Vergänglichkeit.

 


9. Einige praktische Konsequenzen


Was sind Weltbilder, aus denen sich keine praktischen Konsequenzen ergeben? Sie sind wie Menschen ohne Arme und Beine. Deswegen sei abschließend ein ethischer Ausblick gestattet.

 


10. Freiheit als Auftrag zu sinnvoller Lebensführung


Die Freiheit erhebt den Menschen über die gerichtete Natur. Sie ist Zeugnis seiner göttlichen Abstammung. Sie ist die Himmelsluft, die er atmen darf. Doch was soll er mit seiner Freiheit anfangen? Für sich genommen ist sie wie ein leerer Raum, der eingerichtet werden will. Der Sinn der Freiheit ist die Entwicklung des inneren Kosmos. Dieser wiederum wurzelt in dem Funken göttlicher Essenz, d.h. in der Liebe des Herzens. Wir sahen, daß die Freiheit gleichsam die Aura des Geistfunkens ist. Daher kann nur die Liebe unsere Freiheit sinnvoll ausfüllen. Doch zu dieser Entscheidung kann der Mensch nicht gezwungen werden. Selbst der allmächtige Gott kann den menschlichen Geist nicht zur Vollkommenheit zwingen. Denn nur was in Freiheit gewonnen wird, kann ewig bewahrt werden. Daher wird das irdische Leben in der NO als "Freiheitsprobe" (GEJ.01_165.9) bezeichnet. Der Sinn der Freiheit ist die Entscheidung für den Geist.

 

"Ich aber sage dir, daß Ich allein das wohl sicher am allerbesten und klarsten einsehe, wie eine Seele zum Behuf ihres kurzen, diesirdischen Probelebens in ein rechtes Gleichgewicht zwischen die Welt der Materie und jene der reinen Geister zu stellen ist, damit eben dadurch die volle Freiheit ihrer Liebe und ihres Willens bedungen wird. Daß für eine jede Seele die Materie ein gewisses Übergewicht haben muß, das ist darum so verordnet, auf daß die Seele dadurch genötigt wird, tätig gegen das kleine Übergewicht der Materie zu werden, um so von der Freiheit ihres Willens den rechten Gebrauch machen zu können; um aber das tun zu können, ist ihr die Lehre zu allen Zeiten klar aus den Himmeln gegeben, welche die Seele in eine vollkommene Freischwebe zwischen Geist und Materie stellt." (GEJ.09_181.8‑9)

 


11. Die Liebe ist das Leben des Menschen und das Ewige in ihm


Es gibt einen unsterblichen Kern im Menschen. Daher ist unser Tun und Lassen nicht sinnlos, denn etwas Ewiges in uns überdauert den Tod. Dieses Ewige, das vorerst noch in einer ver­gänglichen Schale eingehüllt ist, ist die Liebe des Menschen. Sie ist sein eigentliches Leben. Sie ist das Ewige im Vergänglichen.

 

"Solches müßt ihr wissen, daß die Liebe des Menschen sein Leben ist." (GS I.34.18)

 


12. Sinnvolles Tun als Weg geistigen Wachstums


Die Entwicklung des Geistes geschieht auf dem Wege des sinnvollen Tuns. Der moderne Mensch ist vielfach seiner Arbeit entfremdet und sucht das Heil daher im trägen Genuß. Freizeit und Nichtstun werden zum höchsten Kulturgut. Diese Entwicklung wird jedoch in einer Sackgase enden. Der Ausweg kann nur in der Rückgewinnung der Arbeit liegen. Nach dem Sündenfall wurde die Arbeit verflucht; daher empfinden wir sie als Last. Aber der Himmel, der ja der Zustand der höchsten Vollkommenheit ist, ist ein Himmel der sinnvollen Beschäftigung. Deswegen sollte man nicht nach immer mehr Freizeit lechzen, sondern auch in seiner Freizeit einer sinnvollen Beschäftigung nachgehen.

 

"Wer da jetzt empfängt ein Amt, dem wird es bleiben fürder hier und dort; wer aber nun so ganz unbe­kümmert daneben einhergeht, wo das Leben weht, vor dem auch wird das Leben vorüberwehen, und dann wird's matt um seine Lebensgeister stehen!" (HGt II.126.4)

 


13. Herzdenken


Wer sich bemüht, wirklich sinnvoll - und nicht nur "wohlmeinend" - tätig zu sein, der wird merken, daß das nur im Gebet oder in der Versenkung des Herzens möglich ist. Denn wer sagt mir denn, was wahrhaft sinnvoll ist? Wer hat den weiten Blick, das Ewige vom Vergänglichen zu unterscheiden? Die matte Leuchte des Verstandes sicher nicht. Alles Große entsteht in der Stille des Herzens und wird erst allmählich nach außen sichtbar.

 

Deswegen besteht die wichtigste Konsequenz des neuen Menschenbildes darin, das Denken im Herzen zu üben. Wir ernten heute die Saat des dürren Intellektualismus. Einige weitblickende Menschen erkennen bereits, daß nur die Kraft des Herzens die Not der Zeit überwinden kann. Wenn im Herzen das Ebenbild Gottes ruht, dann dürfte es die wichtigste Aufgabe des Menschen sein, die Kraft des Herzens zu entfalten und somit das göttliche Bewußtsein zum Vorschein zu bringen. Wir brauchen eine neue Geisteskultur, die auch das Erziehungs­wesen erneuern wird. Nicht die Verstandesbildung sollte immer weiter vorgezogen werden, sondern die Gemütsbildung sollte intensiver geübt werden. Das Kreuz des Menschen ist die Verselbständigung des Intellekts gegenüber der Liebe. In der Liebe des Herzens ruht die Fülle des Seins.


(Mit Genehmigung des Verfassers aus "Geistiges Leben" 01/07, Lorber-Gesellschaft. Weitere Kommentare von Thomas Noack siehe unter "Links")